Engel der Vorstadt

- Amour Fou in der Vorstadt. Eine Gruppe von Jugendlichen lebt rund um Paris. Nahezu alle von ihnen kommen aus Familien mit orientalischem Hintergrund. In der Schule probt die Lehrerin mit ihnen Szenen aus Marivaux' virtuosem Stück "Das Spiel von Liebe und Zufall". In einigen Wochen sollen sie gemeinsam vor dem ganzen Viertel auftreten.

<P> Lydia sieht mit ihren blonden Locken und ihrem ebenso wachen wie wütenden Blick aus wie ein aggressiver Engel der Trabantenstadt. Sie wirft sich ganz hinein in ihre Rolle, geht in ihr auf und beginnt auf eine Weise zu strahlen, der sich Abdelkrim, genannt Krimo, nicht entziehen kann. Plötzlich scheint alles wie verwandelt. Er liebt Lydia. Er kann seinen Blick nicht mehr von ihr lassen. Aber Krimo ist auch cool und will, dass die anderen Jungs ihn respektieren.<BR>Regisseur Abdellatif Kechiche gibt dem Zusammenhalt seiner Figuren großen Raum, ohne dabei zu romantisieren: Er zeigt sie als Individuen. Das Schmiermittel von allem ist die Sprache. In wunderbarer Weise weckt Kechiche unseren Sinn für Nuancen, für Töne, fürs genaue Hinhören. <BR><BR>"L'Esquive" ist Slang und bedeutet auf Französisch "kneifen". Das ist der Zustand, in dem sich sowohl Krimo wie Lydia befinden - einander gegenüber, wie im Verhältnis zu sich selbst. Die Liebe und die Kunst sind erleuchtende und erlösende Kraft, Motor der Initiation. Und die Zustandsbeschreibung gerät Kechiche zu einem Drama voller Energie und Humor, mit Charakteren aus Fleisch und Blut. Es ist politisch, einen Film über die Vororte zu drehen, der nicht stigmatisiert, in dem es um nichts geht, was man mit diesen Orten gemeinhin verbindet: Drogen, Verbrechen, Kulturkonflikte.<BR><BR>Damit repräsentiert der Film auch jene vorsichtige Trendwende, die seit längerem im so genannten "Ciné´ma Beur" zu beobachten ist: Die dritte Generation jener französischen Regisseure, deren Großeltern aus dem Maghreb kamen, stellen, wie ein Fatih Akin hierzulande, nicht mehr allein Identitäts-, Rassen-, und Einwanderungskonflikte ins Zentrum. Kechiche hat in seinem Film fast durchweg mit Laien gearbeitet. Bis zum Ende ist "L'Esquive" selbst wie das Mariveaux-Stück ein Spiel von Liebe und Zufall. Ein bezaubernder Film über die Liebe, das Leben und die Dinge. Und über die Liebe zur Literatur.<BR><BR>(In München: Isabella.)<BR>>> alle Filme, alle Kinos auf einen Blick bei munich online 

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