Ang Lee erhält überraschend Goldenen Löwen in Venedig

Venedig - Überraschung am Lido: Der aus Taiwan stammende Starregisseur Ang Lee hat beim Filmfestival in Venedig erneut den Goldenen Löwen gewonnen. Er erhielt den Preis am Samstagabend für seinen Spionage-Krimi "Lust, Caution".

Der 52-Jährige, der seit Jahrzehnten in den USA lebt, war bereits 2005 mit einem Goldenen Löwen für sein Drama über zwei schwule Cowboys, "Brokeback Mountain", ausgezeichnet worden. Die Entscheidung der Jury unter Vorsitz des chinesischen Regisseurs Zhang Yimou stieß allerdings auf Kritik: Italienische Zeitungen schrieben am Sonntag, auch innerhalb der Jury sei das Votum für Ang Lee umstritten gewesen - die Jury habe über neun Stunden getagt.

Als bester Darsteller wurde Hollywood-Star Brad Pitt für seine Hauptrolle im Western "The Assassination of Jesse James by the Coward Robert Ford" von Regisseur Andrew Dominik geehrt. Auch auf diese Entscheidung reagierten einige Journalisten am Lido mit Pfiffen. Applaus gab es dagegen für die Auszeichnung von Cate Blanchett als beste Darstellerin. Sie bekam den Preis für die "moderne Hosenrolle" in "I'm Not There" von Todd Haynes, in dem sie den amerikanischen Kultmusiker Bob Dylan spielt. Beide Schauspieler waren bei der Abschlussgala am Samstagabend allerdings nicht anwesend.

Einen bewegenden Abend gab es für den italienischen Regie- Altmeister Bernardo Bertolucci ("Der letzte Tango in Paris", "Der letzte Kaiser"). Der 66-Jährige erhielt einen Goldenen Ehrenlöwen für sein Lebenswerk. Das Publikum feierte Bertolucci mit geradezu frenetischem Applaus.

"Ich habe Glück hier in Venedig, das ist ein guter Ort für mich", sagte Ang Lee zu seinem Löwen. Kritiker meinten, der Regisseur habe einen solchen erneuten Triumph selbst nicht erwartet. "Niemand hatte damit gerechnet", schrieb die römische Zeitung "La Repubblica". Zuvor hatten Kritiker sich wenig begeistert über die häufigen Sexszenen in "Lust, Caution" (deutscher Titel: "Gefahr und Begierde") geäußert.

Der Spionage-Thriller spielt während der japanischen Besatzung im Zweiten Weltkrieg. Er erzählt die Geschichte einer jungen chinesischen Agentin (Tang Wei), die einen Kollaborateur (Tony Leung Chiu Wai) bespitzeln und liquidieren soll - stattdessen verliebt sie sich in den Mann.

Den silbernen Löwen für die beste Regie bekam der Hollywood- Regisseur Brian De Palma für seinen Irak-Kriegsfilm "Redacted". Der Spezialpreis der Jury ging an "Le Grain et le Mulet" des französisch- tunesischen Regisseurs Abdellatif Kechiche und an "I'm Not There" von Todd Haynes. Alle drei Streifen galten bei Kritikern und Publikum als Anwärter auf den Goldenen Löwen.

Dagegen führten deutsche Künstler in Venedig erneut ein Schattendasein: Unter den 22 Wettbewerbsfilmen war kein eigener deutscher. Es gab lediglich zwei deutsche Filme, die in Nebenreihen liefen: Der Dokumentarfilm "Staub" von Hartmut Bitomsky und die schwarze Tragikkomödie "Freischwimmer" von Regissur Andreas Kleinert.

Deutsche Künstler haben seit langem Pech in Venedig: Den bisher letzten "deutschen Löwen" gab es 1982 für "Der Stand der Dinge" von Wim Wenders. Das Filmfest am Lido von Venedig gilt neben Berlin und Cannes als das weltweit wichtigste Festival der Branche.

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