Erlebnis der besonderen Art

- Der Berliner Schauspieler Hanns Zischler, geboren 1947, gehört zu den wenigen international gefragten deutschen Kinodarstellern. Nach Auftritten in Filmen u. a. von Jean-Luc Godard, Claude Chabrol, Wim Wenders und Rudolf Thome drehte er im vergangenen Jahr erstmals mit Steven Spielberg. In dessen neuem Film, dem Polit-Thriller "München" über die Folgen des PLO-Olympia-Attentats von 1972, der am 26. Januar in die deutschen Kinos kommt, spielt Zischler eine der fünf Hauptrollen: einen deutschen Agenten des israelischen Geheimdienstes "Mossad".

Sie schreiben selbst, Sie arbeiten über Literatur, Sie haben Filmregie geführt, Sie sind Schauspieler - als was sehen Sie sich selbst?

Hanns Zischler: Wenn ich schreibe, bin ich mein eigener Souverän. Das ist etwas Unbezahlbares. Als Schauspieler ist man in einem extremen Bezug zu anderen und zur ganzen Mechanik, zu dem Gerüst. Da kann man sich nicht davonstehlen. Ich würde dem einen oder anderen keinen Vorzug geben. Ich bin froh, dass ich beides auf eine mir selbst noch vermittelbare Weise machen kann.

Worin liegt der Reiz, als Schauspieler in diesem Gerüst zu stecken?

Zischler: Sicher darin, dass man produktiv mit seinem eigenen Narzissmus umgehen kann. Man stellt ihn zur Verfügung. Ein zweiter Reiz ist die Konfrontation mit dem Unvorhergesehenen. Es ist auch mir durchaus fremd, wie jetzt in Spielbergs "München", eine entblößte Frau, die schon verwundet ist, umzubringen.

Sie kannten Spielberg vorher nicht. Können Sie sich an Ihren ersten Eindruck erinnern?

Zischler: Eine für mich frappierende und gleichzeitig diskrete Ähnlichkeit mit Sigmund Freud. Im Profil, im freundlich zurückgenommenen Lächeln. Spielberg ist ein Mensch, der verschwenderisch gern über alles spricht, was das Kino betrifft. Da ist er in einem Rausch der Nüchternheit: Warum war das Kino früher besser, warum kennen viele das nicht mehr?

Spielbergs Bild in der Öffentlichkeit ist ja ambivalent: Kann man ihn nun als Autorenfilmer begreifen oder nicht? Auf der einen Seite wagt er mehr, als viele andere. Zugleich erfüllt er dann doch immer die Erwartungen des Mainstream.

Zischler: Was ihn selbst angeht: Ich habe noch nie einen so vehementen Autorenfilmer erlebt wie diesen Mann in diesem Film - was offensichtlich bei anderen Filmen, die er macht, nicht so ist: Er hat mit Drehbuchautor Tony Kushner quasi um die Wette gearbeitet. Das heißt: Es gab eine permanente Revision noch der kleinsten Szenen im Detail. Das hatte etwas sehr Spielerisches. Spielberg hat einen Hollywood-Film gemacht - das würde ich durchaus so sehen -, aber einen, den er wahrscheinlich so nur mit Nicht-Amerikanern machen konnte.

Beeindruckend in "München" sind die Choreographien der Action-Sequenzen. Wie wird so etwas - aus Sicht des Schauspielers - gedreht?

Zischler: In viel weniger Einstellungen, als es scheint. Natürlich mit Hilfe von Stuntmen. Umbauten gehen rasend schnell. Was in Europa eine Stunde braucht, geht hier in fünf Minuten. Für alles gibt es Spezialisten, extrem gut vorbereitet. Da gibt es nicht nur einen Plan B, sondern einen Plan F. Spielberg weiß ganz genau, wo er hin will - es war insgesamt ein Erlebnis der besonderen Art.

Wie würden Sie Spielbergs Arbeit mit seinen Schauspielern charakterisieren? Gibt es bei seiner Weise zu drehen, Raum für Spontaneität?

Zischler: Man verständigt sich über eine Haltung. Und dann greift er ein - aber eher wie eine Hebamme: Komm', mach weiter. Er reagiert genau auf das, was er sieht. Wenn es ihm gefällt, dann lässt er die Kamera laufen. Und dann: Bumms, "next shot"! Er ist ein sehr großzügiger Regisseur. Was er an Begeisterung spürt, das gibt er zurück.

Was war die bestechendste Erfahrung am Dreh?

Zischler: Die Sphäre und Aura von Enthusiasmus. Ich habe nie in den ganzen drei Monaten Verdruss, Ärger, Streit gespürt. Es stimmt vom Kopf her. Ich frage mich wirklich manchmal, woran es liegt, dass die meisten Regisseure diese Art von Begeisterung nicht haben. Woher kommt der viele Verdruss, das viele blöde Gerede? Filmregie ist doch eine wunderbare Arbeit.

Spürt man das sonst nicht?

Zischler: Ein Mann wie Claude Chabrol ist auch eine Wohltat: Der ist gut gelaunt, der liebt seine Arbeit, der liebt, was dazugehört.

Ist Spielberg eigentlich so harmoniebedürftig, wie man ihm immer nachsagt?

Zischler: Das habe ich auch immer geglaubt. Aber er stellt sein Harmoniebedürfnis nicht über alles. Er weiß: Harmonie geht nicht immer. Und das ist, glaube ich, auch die Botschaft des Films.

Das Interview führte Rüdiger Suchsland

Ab 26. 1. im Kino: "München", Spielbergs Film zum Attentat 1972.

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