Das Erlebnis der Verführung

- Ein Internats-Movie vor dem Hintergrund des Nationalsozialismus: "Napola - Elite für den Führer", bereits im Vorfeld mit einem Bundesfilmpreis für den besten Drehbuchentwurf ausgezeichnet, erzählt die Geschichte eines Jungen, der eine jener "Nationalpolitischen Anstalten" der Nazis besucht. Regie führte der Münchner Dennis Gansel (31). Preisgekrönt wurde sein Film "Das Phantom" (1998), ein Politthriller über die dritte Generation der RAF. Es folgte die Teenieklamotte "Mädchen, Mädchen" (2001).

<P>Was stand am Anfang von "Napola"?</P><P>Gansel: Die Geschichte meines Großvaters. Der war nicht auf einer Napola, aber auf der "Reichskriegsschule" in Hannover. Für seine Söhne, meinen Vater und seine zwei Brüder, war er lange "ein alter Nazi". Er war kein Antisemit, sondern wurde durch die Macht verführt, die ihm die Uniform gab, und die Tatsache, Teil des Systems zu sein. Ich fand es wichtig, diese Geschichte darzustellen. Politisch könnte ich nicht ferner stehen, aber das wollte ich verstehen.</P><P>Wie haben Sie gearbeitet?</P><P>Gansel: Ich habe mit vielen Zeitzeugen gesprochen - auch mit einem, der unehrenhaft entlassen wurde, wie meine Hauptfigur. Man kann ja gar nicht glauben, dass man die Napola jederzeit verlassen konnte - man kam nicht automatisch an die Ostfront. Das Schlimme war, dass man nicht mehr dazugehörte. Es gab unter den Schülern dort überraschend viele Bettnässer - ein Indiz für den sozialen Druck, der herrschte. Die Klassenstruktur der Napola war auch genau so wie im Film: viele Beamten- und Offizierskinder, Kinder des Parteikaders, wenig Proletarier. Ganz wenige haben dem äußeren "Idealtypus" der Nazis entsprochen.</P><P>Der augenblicklich scheinbare Boom des deutschen Films ereignet sich nicht zuletzt über historische Stoffe. Wie würden Sie Ihren eigenen Film charakterisieren? Ein Geschichtsdrama? Ein "NS-Film"?</P><P>Gansel: Für mich ist das ein politischer Film. Ein moderner Bildungsroman.</P><P>Sie wollen auch Identifikation mit der Hauptfigur. Was macht die Geschichte der "Nationalpolitischen Anstalten" für einen, der heute jung ist, modern? Womit kann sich der Zuschauer identifizieren?</P><P>Gansel: Mit dem Erlebnis der Verführung. Man ertappt sich beim Gefühl: Das hätte mir auch so gehen können. Und da ist der Film topaktuell: Auch heute macht man oft bei Dingen mit, obwohl das eigentlich nicht gut ist: Man widerspricht seinem Chef nicht - nur aus Angst, arbeitslos zu werden. Oder man steht nicht auf in der U-Bahn, obwohl dort ein Ausländer belästigt wird. Dieser Themenkomplex der Zivilcourage, die Frage, wie weit bin ich eigentlich bereit zu gehen, ist hochaktuell. Mein Ansatz war, die Verführungskraft der Ideologie nachempfindbar zu machen.</P><P>Was sagt uns das? Dass die Erkenntnis sowieso immer zu spät kommt? Ist das nicht ein allzu unbefangener Umgang mit diesem sensiblen Thema?</P><P>Gansel: Wenn man weiß, worauf man hinaus will, kann man sich das erlauben. Ich wollte das Geschehen so zeigen, wie es von den Beteiligten empfunden wurde.</P><P>Aber wenn es um Zivilcourage gehen soll - wäre da nicht ein Film, der heute spielt, viel mutiger?</P><P>Gansel: Das wäre ein anderer Film. Mich hat interessiert, wie es dazu kommen konnte, dass gerade die Jugend damals so fanatisiert war. Es geht bei aller Allgemeingültigkeit schon um die Historie, die ich auf emotionaler Ebene verständlich machen wollte. Ich will das Publikum erschüttern. Die anderen Filme mit klarer politischer Haltung gibt es ja schon. Wenn man klare Fronten will, ist man bei der Geschichte Sophie Scholls besser aufgehoben.</P><P>Hatten Sie jemals Angst, zu unbefangen zu sein? So dass einige im Publikum anders reagieren könnten, als Sie das möchten?</P><P>Gansel: Ich hatte keine Angst davor. Was ich erzähle, ist gut recherchiert und realistisch dargestellt. Meine Haltung wird spürbar. Ich finde die Szene, in der ein Junge im Hof gezwungen wird, öffentlich auf seine Matratze zu urinieren, so krass, dass ich gar nicht deutlicher werden kann. Man muss als Regisseur nicht alles kommentieren.</P><P>Was sind Ihre nächsten Regiepläne?</P><P>Gansel: Es gibt mehrere konkrete Pläne. Es werden ähnliche Filme sein, wie "Das Phantom" und "Napola". Vielleicht dazwischen ein Horrorfilm.</P><P>Das Gespräch führte Rüdiger Suchsland</P>

Auch interessant

Meistgelesene Artikel

M’Barek: Karriere? „War bestimmt auf eine gewisse Art benachteiligt“
Am heutigen Sonntag feierte der letzte Teil von „Fack ju Göhte“ Premiere – Anlässlich dessen blickt Hauptdarsteller Elyas M’Barek zurück und erzählt von seinem …
M’Barek: Karriere? „War bestimmt auf eine gewisse Art benachteiligt“

Kommentare