Erntedankfest des deutschen Kinos

- "Wer weiß schon, was passiert?", fragt das Mädchen aus Berlin. Innere Unsicherheit prägt ihr Leben. Mit dem Freund hat sie Schluss gemacht, da merkt sie, dass sie schwanger ist, zugleich beginnt sie eine neue Affäre. Die konservativen Maßstäbe ihrer Familie sind ihr fremd. Kurz nachdem sie das Kind verloren hat, ist auch der Lover weg. Sie reist ihm nach Paris nach und wird auch ihn wieder verlieren und andere Bekanntschaften gewinnen.

<P>Ein Festival ohne Glamour und Geschwätz</P><P>Henrike Goetz' Debüt "Make My Day" zeigt ein Leben in Beiläufigkeit. Die Regisseurin beobachtet gut und fängt präzise die Melancholie junger Europäer ein. Obwohl der billig produzierte, mit Laien inszenierte Film nicht fehlerfrei ist, sieht man  schon im ersten Bild eine Haltung, spürt die Energie prinzipieller Fragen: "Was hat dir die Liebe gebracht?" Kino als Ort spannender Reflexion, nicht als Fluchtmaschine. Dabei hat "Make My Day" in seinen besten Momenten eine Truffaut'sche Leichtigkeit.</P><P>Auch im 38. Jahr waren die Hofer Filmtage wieder für solche Entdeckungen gut. Seit seinen Anfängen ist Hof das Erntedankfest des deutschen Films, ein etwas anderes Festival, ohne Sponsorenauftritte, Marktgeschwätz und Pseudo-Glamour. Jenseits von Cannes und Berlinale ist Hof der graue Alltag des hiesigen Kinos, mit all seinen Stereotypen, seiner Redundanz, allen Träumen und der nicht sterbenden Hoffnung auf neue Blüte.</P><P>So kann einem etwa "SommerHundeSöhne" von Cyril Tuschi begegnen, ein Roadmovie, der zwei ungleiche Männer, den unselbstständigen Frank (Fabian Busch) und das störrische Großmaul Marc (Stipe Erceg) in einem Van zusammenzwängt und nach Marokko transportiert. Wie "Make My Day" ein Streifen, der den Bewegungscharakter des Films betont, geprägt vom Willen, der Enge bundesrepublikanischer (Film-)Themen zu entfliehen. Mit Mut zur Fantasie scheut Tuschi auch vor Märchenhaftem nicht zurück - ein sympathisches Debüt.</P><P>Das gilt auch für das fiktive Videotagebuch "Egoshooter", das radikalste Experiment des Festivals. Tom Schilling spielt die Hauptrolle. Momentaufnahmen zwischen universaler Teenager-Angst und Krise. So etwas schwebte wohl auch Hendrik Hölzemann vor. "Kammerflimmern" lässt sich aber auf keine Erfahrung wirklich ein, schreckt vor der Beobachtung und der mit ihr verbundenen Irritationsgefahr zurück und überlädt seine Story über die Liebe zweier traumatisierter Menschen mit Klischees.</P><P>Dazu passte eine Dokumentation über Tom Tykwer, um daran zu erinnern, wie einer das machte, was Hölzemann vielleicht vorgeschwebt hat. Fast erschreckt man vor der Kraft der Ausschnitte aus "Winterschläfer" und "Lola rennt": Kein anderer, auch nicht Tykwer, hat die Impulse aufgenommen, die hier angelegt waren. Und das ist auch der Eindruck vom Festival: Gerade da, wo er Industrie sein, Geld verdienen und internationales Publikum erobern will, hat der deutsche Film seit 20 Jahren nichts dazugelernt.</P><P>Die Einfälle der Asiaten werden ebenso wenig aufgenommen, wie der Mut der Franzosen, die Präzision der Amerikaner. Das sollte man auch im Fall von Dennis Gansel nicht vergessen. Mit guten Gründen wird der Regisseur von "Mädchen, Mädchen" seit Jahren als Talent gehandelt. Darum war "Napola - Elite für den Führer", der Eröffnungsfilm, nicht allein durch seinen Umgang mit dem Thema enttäuschend. </P><P>Jenseits der fast schon obszönen Verniedlichung der Nazi-Eliteschmieden konnte er auch als Film nicht befriedigen. Zwar war das Geschichtsrührstück gediegen inszeniert, aber nie war spürbar, worum es Gansel eigentlich ging, nie war eine Haltung, ein Kinoverständnis sichtbar - will man nicht gelegentliche Riefenstahl-Anleihen ernsthaft dazu zählen.</P>

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