Europas Nutzen - Afrikas Schmerz

- "Diplomaten haben dahin zu gehen, wohin man sie schickt." - "Das tun Labradors auch." Es sind viele solche kleinen, herrlich zynischen, treffenden Bemerkungen, mit denen John Le Carré seine Dialoge würzt, und deretwegen man die Bücher des Schriftsellers schätzt - mindestens so sehr, wie aufgrund ihrer Innenansichten aus Politik und Geheimdiensten. Nun versteckt sich, das weiß man spätestens seit Oscar Wilde, in jedem Zyniker ein Moralist, nicht anders verhält es sich auch mit Le Carré und dem brasilianischen Regie-Star Fernando Mereilles, der Le Carrés "The Constant Gardener" verfilmt hat.

Es geht um Justin Quayle, einen britischen Diplomaten in Afrika, dessen deutlich jüngere Frau Tessa nach einer Reise ins Landesinnere ermordet aufgefunden wird. Während er den mysteriösen Begleitumständen der Tat nachgeht, lernt er seine Frau erst wirklich kennen. In seiner Erinnerung erzählt der Film die Geschichte ihrer Liebe, die auch zur Vorgeschichte von Tessas Tod wird. Justin erkennt peu à` peu seine Blindheit und vollendet schuldbewusst Tessas - wie sich herausstellt: hochhumanistisches - Werk, den Kampf gegen ein schurkisches Pharmaunternehmen, das Afrikaner für Medikamententests missbraucht. Darüber erneuert sich im Tod die Liebe zwischen der Idealistin und dem Realist.

Am besten ist "Der ewige Gärtner", wo er sich aus Afrika entfernt und ins diplomatische Milieu eindringt, in die Cocktailpartys und klimatisierten Büros der Anzugträger, die Schauplätze schneidiger Sentenzen und kurzer Smalltalks, die Karrieren machen oder beenden.

Ralph Fiennes spielt Justin als verletzlichen, aber etwas naiven Großbürger: ein groß Liebender, groß Leidender, der erst am Ende aus heimlichem Todestrieb alles aufs Spiel setzt. Rachel Weisz macht diese Liebe glaubwürdig, ebenso wie Tessas Doppelleben. Einmal mehr hervorragend: Danny Huston, John Hustons Sohn, in der Rolle eines opportunistischen, schwachen, gerade darum aber erfolgreichen Diplomaten.

Mereilles erzählt vom Untergang des simplen Idealismus und geht fair mit dem moralischen Dilemma um. Denn es ist ja nicht völlig von der Hand zu weisen, wenn Danny Hustons Figur argumentiert: "Wir töten niemanden. Wir experimentieren mit Kranken, die ohne uns in jedem Fall sterben müssten." Unsere Sympathie bleibt trotzdem bei Justin, der uns näher steht: Ein Europäer, der nicht wissen will, was um ihn herum geschieht, woran er selbst beteiligt ist. Insofern spricht "Der ewige Gärtner" nicht nur vom - drohenden? sicheren? - Untergang des gegenwärtigen Lebensmodells, sondern von der Widersprüchlichkeit unser aller Existenz: Wollten wir wissen, würden wir das erkennen.

(In München: Gloria, Münchner Freiheit, Maxx, Cinema i.O., Cincinnati.)

"Der ewige Gärtner"

mit Ralph Fiennes, Rachel Weisz, Daniele Harford

Regie: Fernando Meirelles

Hervorragend

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