Fall von Fehldiagnose

- "Der Obrist und die Tänzerin", der heute in den Kinos anläuft, ist die erste Regiearbeit des Schauspielers John Malkovich (geb. 1953). Spätestens seit seinem Glanzauftritt in Steven Frears "Gefährliche Liebschaften" (1987) ist Malkovich auf die Rolle des Schurken festgelegt. Daneben spielt er oft kranke, dekadente oder übersensible Figuren. Der Sohn jugoslawischer Einwanderer wuchs in Charleston, Illinois, auf und begann seine Karriere in den 70er-Jahren in Chicago und New York an Off-Theatern.

<P>In New York hatten Sie für die Bühne inszeniert. Was war für Sie der Unterschied zwischen Film und Theater?<BR>Malkovich: Auf der Bühne arbeitet man sozusagen am lebenden Objekt. Man kann immer noch etwas korrigieren. Beim Film stirbt diese Möglichkeit mit der letzten Aufnahme. </P><P>Was für ein Typ Regisseur sind Sie?<BR>Malkovich: Sehr ruhig. Ich brauche nicht viele Aufnahmen, ich mag auch nicht herumdiskutieren. Man muss versuchen, fair und hart zu arbeiten.</P><P>Sie haben mit berühmten Regisseuren gedreht. Wer hat Sie am meisten beeinflusst? <BR>Malkovich: Ich hoffe, ich habe überhaupt etwas gelernt. Aber was genau, ist schwer zu sagen. Manchmal habe ich mich während des Drehs unfähig gefühlt. Es handelt sich ja eher um eine Osmose: Man lernt, weil man da ist. Dadurch, wie Regisseure die Welt sehen, was sie für einen Sinn für Räume haben. </P><P>Ihr Film erinnert an die 70er-Jahre . . . War Costa-Gavras ein Vorbild?<BR>Malkovich: Ich schätze das Kino der 70er sehr: gute Charaktere, die auf Instinkt basieren. "Ausnahmezustand" von Costa-Gavras ist ein ganz wichtiger Film. Aus heutiger Sicht erscheint er aber etwas unschuldig in dem Bild von Politik, das er zeichnet. Wann immer man einen Film mit politischem Inhalt macht, ist man entweder alarmierend oder beschwichtigend. Oder beides. Das ist das Risiko.</P><P>Das Bild, dass Sie von den Verhältnissen in Lateinamerika zeichnen, stimmt nicht hoffnungsvoll. Sehen Sie einen Ausweg?<BR>Malkovich: Ich weiß nicht, was die Menschen machen sollten. Vielleicht sollten sie segeln gehen. Ich bin der Letzte, der irgendetwas empfiehlt. Für mich geht es hier um das Wesen der Korruption, ihre verschiedenen Bedeutungen und Varianten. Das Publikum kann meine Ideen annehmen oder ablehnen, einschlafen oder wütend werden oder glücklich. Im Idealfall denkt es darüber nach. Aber das hängt davon ab, ob es meine Gedanken wertvoll findet und ob es in der Lage ist, das zu beurteilen. </P><P>Ihr Film stellt ja einen Mensch ins Zentrum, der Terroristen bekämpft. Parallelen zum von den USA proklamierten "Krieg gegen den Terror" liegen nahe. Sind solche Nähen beabsichtigt?<BR>Malkovich: Sie drängen sich jedenfalls auf. Natürlich kann Gewalt nicht die Medizin gegen Gewalt sein. Wenn sie das sein soll, möchte ich gern mal den Doktor sprechen. Da scheint mir ein Fall von Fehldiagnose vorzuliegen. Ich weiß, dass Gewalt ein Teil der menschlichen Natur ist. Aber muss sie wirklich auch Teil der Politik sein? </P><P>Das Gespräch führte Rüdiger Suchsland<BR></P>

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