"Im Sommer wohnt er unten"

So ist Familie eben doch irgendwie 

„Im Sommer wohnt er unten“ hinterfragt festgesetzte Rollenmuster und Regisseur Tom Sommerlatte bricht damit verkrustete Strukturen auf. 

Wer hat Recht? Auf wessen Seite soll man sich schlagen? Nur ein paar Filmminuten und der Kopf schwirrt von Fragen um Anstand und Das-gehört-sich-so, dass man es am liebsten machen würde wie Matthias, das menschliche Faultier – ausklinken, auf der Luftmatratze zurücklehnen, treiben lassen. Macht doch, was ihr wollt.

Sebastian Fräsdorf ist die Idealbesetzung für Matthias, der sich in Mamas und Papas französischem Ferienhaus eingenistet hat. Seine verquollenen Augen, seine behäbigen Bewegungen – die totale Bequemlichkeit. Ein genaueres Betrachten aber verrät: Matthias ist nicht eigentlich faul, sondern hat sich in die Rolle gefügt, die ihm in seinem Familiensystem zugewiesen wurde. Er, der Loser. Sein Bruder, der Gewinner.

Der rollt denn auch im Sportwagen und mit bravem Frauchen an der Seite im französischen Idyll ein. Wunderbar Godehard Giese als karrieregeiler David. Doch auch hier trügt der Schein. In der Ehe, finanziell – bei David stimmt rein gar nichts. Den Frust darüber bekommen Matthias und Freundin Camille (Alice Pehlivanyan) ab. Wie blöd, dass die exzentrische Camille sich das nicht gefallen lässt. Sie mischt das System kräftig auf. In Sommerfarben zu Grillenzirpen präsentiert uns Tom Sommerlatte gnadenlos, wie Familie ist. Und wie durch Querschüsse Außenstehender verkrustete Strukturen brechen können.

„Im Sommer wohnt er unten“

Mit Sebastian Fräsdorf

Regie: Tom Sommerlatte

Laufzeit: 99 Minuten

Dieser Film könnte Ihnen gefallen, wenn Sie „Sommer ’04“ mochten.

Katja Kraft

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