Farben der Liebe

- "Kirschblüten baden in Tränen!", so heißt die herzzerreißende Liebesszene, die zu Beginn dieses Films mit Holzpuppen gespielt wird. "Dolls", der Titel von Takeshi Kitanos neuem Werk ist wörtlich zu nehmen: Zehn Minuten lang schaut man dem traditionellen japanischen Bunraku-Theater zu. Die fast mannshohen Puppen werden von jeweils drei Spielern bewegt, gespielt wird "Der Bote aus der Unterwelt", das Meisterwerk Monzaemon Chikamatsus, des großen Dramatikers aus dem 18. Jahrhundert, der japanische Lessing. Doch plötzlich geht ein Kirschblütenregen nieder, wir sind im Film. Ein Paar schreitet mit puppenstarren Gesichtern durch den Park - wie eine riesige Nabelschnur verbindet beide ein knallrotes Band.

<P>Sie sind "bounded beggers", das ewig verbundene, aneinander auch gewaltsam gefesselte, bettelnde Liebespaar aus der japanischen Mythologie. Seine Wanderung beginnt mit einem Liebesverrat, der aus familiärer Verpflichtung, moralischer Schwäche gegenüber dem elterlichen Druck begangen wurde. Am Ende werden es drei Paare sein, deren Liebe jeweils unglücklich scheitert.</P><P>So melodramatisch dieser Plot klingt, so sehr betören Bilder und Tonlage des Films. Geschildert werden die intensiven, stillen Liebesgeschichten wie im Bunraku-Theater mit kleinsten Akzentverschiebungen der Gestik und der Sprache - Amour fou ohne Zweifel, aber eine der erstickten Art, in der Ekstase sich nach innen wendet. Daneben Seltsames: Ein kleiner rosa Ball fliegt höher, als Bälle es normalerweise zu tun pflegen; ein quietschgelbes Auto fährt durch eine Sommerlandschaft; tiefrote Herbstblätter hängen an den Bäumen; weißer Schnee blendet. Allein seine Farbdramaturgie macht "Dolls" schon zu einem unvergesslichen Erlebnis. </P><P>Kitano hat wiederum Neuland betreten. Mit "Dolls", der mit einem Jahr Verspätung doch noch ins deutsche Kino kommt, ist ihm ein schmerzhaft schöner Film geglückt - sehr japanisch und doch keinen unberührt lassend. Kitano erweist sich mit diesem Werk über das Nichts und die Traurigkeit mehr denn je als der große Romantiker des Weltkinos. Universale Menschheitsthemen werden auf hohem Niveau berührt. Am Ende staunt man, ist aufs Bestmögliche befremdet über einen ungewöhnlichen, auch ungewöhnlich reizvollen Film - und glücklich, weil man ein Meisterwerk gesehen hat. (In München: Arena i. O.)</P><P>"Dolls"<BR>mit Miho Kanno,<BR>Hidetoshi Nishijima<BR>Regie: Takeshi Kitano<BR>Hervorragend </P><P> </P>

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