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Zwei Filme mit Michael Fassbender starten in den nächsten beiden Wochen in den deutschen Kinos. In „Shame“ spielt der Deutsch-Ire einen New Yorker, der an Sexsucht leidet.

Fassbender: „Wir leben in konservativen Zeiten“

San Sebastian - Michael Fassbender, Hollywoods Mann der Stunde, spricht im Interview über Sexszenen, seinen neuen Film und seine deutschen Wurzeln.

Er ist Hollywoods Mann der Stunde – innerhalb eines Dreivierteljahres war Michael Fassbender in fünf Kino-Hauptrollen zu sehen: Er spielte den Bösewicht Magneto in „X-Men: Erste Entscheidung“, den Psychiater C. G. Jung in „Eine dunkle Begierde“, einen fiesen Gutsherrn in „Jane Eyre“, einen britischen Spion in „Haywire“ (deutscher Kinostart: 8. März) und einen sexbesessenen New Yorker in „Shame“. Über den letztgenannten Film, der morgen anläuft, sprachen wir mit dem charismatischen 34-Jährigen beim Filmfestival von San Sebastián.

Wie haben Sie sich auf die Rolle des Sexsüchtigen in „Shame“ vorbereitet?

Ich habe mich mit jemandem getroffen, der ähnlich tickt wie meine Filmfigur und mit mir ganz offen über seine Angst vor Intimität und emotionaler Verantwortung sprach. Ansonsten habe ich versucht, viele Charaktereigenschaften in mir selbst zu finden: Ich wollte nicht, dass die Figur wie ein Exot rüberkommt, über den man lacht oder den man verurteilt. Denn ich denke, dass heutzutage viele Leute – zumindest bis zu einem gewissen Grad – vergleichbare Probleme haben.

Sie meinen, weil wir in einer übersexualisierten Gesellschaft leben?

Ja. Sex ist ja allgegenwärtig, sogar in der Softdrink-Werbung. Ursprünglich diente Sex dem Überleben der Rasse – heute wird er gezielt eingesetzt, um etwas zu verkaufen. Offenbar zieht dieser Primärinstinkt noch immer. Ist es nicht so, dass jeder von uns alles dafür tun würde, um jemanden flachzulegen? Das hat jedenfalls mein Schauspiellehrer immer gesagt – kurz bevor er mich befummelt hat! (Lacht.) Nein, das war natürlich ein Scherz. Aber ich glaube, dass wir in Wahrheit in sehr konservativen Zeiten leben.

Inwiefern?

Nun, da gibt es zumindest einige seltsame Widersprüche: Gewalt darf man zwar exzessiv auf der Leinwand zeigen, Sex hingegen nicht. Frauen müssen sich ständig halbnackt oder nackt in der Werbung oder im Film präsentieren, doch ein entblößter Penis sorgt immer noch für einen riesigen Aufruhr.

Sie selbst sind in „Shame“ mehrfach nackt zu sehen – auch in expliziten Sexszenen. Fällt es Ihnen leicht, so etwas zu drehen?

Nein. Ich bin nicht besonders exhibitionistisch veranlagt und jubele nicht, wenn Sex auf dem Drehplan steht. Es ist immer peinlich, vor einem Haufen fremder Leute seine Hüllen fallen zu lassen. Ich hoffe jedes Mal, dass wir die Szene nicht oft wiederholen müssen – und versuche, dafür zu sorgen, dass meine Partnerin sich wohlfühlt.

Sie sind in Irland aufgewachsen, aber in Heidelberg geboren, und Ihr Vater ist Deutscher. Haben Sie je typisch deutsche Eigenschaften an sich entdeckt?

Ja, meine eiserne Disziplin bei der Arbeit. Mein Vater hat immer gesagt: „Mach eine Sache ordentlich oder lass es bleiben.“ Diese Haltung habe ich eindeutig von ihm geerbt. Andererseits bin ich kein großer Freund von Regeln – das kommt vermutlich von meiner irischen Mutter, ebenso wie mein Faible fürs Geschichtenerzählen.

Verstehen Sie sich gut mit Ihren Eltern?

Ja, sie sind wunderbare, sehr herzliche Menschen. Sie führten ein Restaurant in Killarney, in dem wir alle mithalfen – das hat unseren Familienzusammenhalt gestärkt. Mit meinem Vater bin ich kürzlich zwei Monate lang auf dem Motorrad quer durch Europa gedüst. Er hat schon früh meine Faszination für rasante Fahrzeuge geweckt.

Wie das?

Als ich noch ein kleiner Bub war, ließ er mich im Auto bei sich auf dem Schoß sitzen und das Lenkrad anfassen. Drum war ich schon als Knirps scharf auf Go-Karts, nicht auf Fahrräder. Auch heute fröne ich dieser Leidenschaft, so oft ich kann, denn Go-Kart-Fahren hat für mich etwas Meditatives: Es macht den Kopf frei. Man muss nur aufpassen, dass man sein Hirn nicht ganz ausschaltet – sonst ist es sehr schnell vorbei mit der Meditation! (Lacht.)

Das Gespräch führte Marco Schmidt.

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