Fasziniert vom Kino

- "Ich habe das Glück, als Filmkomponist vom Ballett zu kommen" - Motto eines spannenden "Doppellebens". Wenn er nicht in Sachen Stummfilm unterwegs ist zwischen Moskau, Madrid, Paris und New York, inspiriert er am Klavier Konstanze Vernons Ballettstudenten. "Konstanze hatte mich in Berlin spielen hören und holte mich daraufhin 1981 an die Münchner Ballettakademie/ Heinz-Bosl-Stiftung", skizziert Zimmermann seinen Schicksalsweg - so lebhaft engagiert wie in seinen beiden Beruf(ung)en.

<P>Von der Heimatstadt Riga, wo er das Konservatorium absolviert und Erfahrungen am Operetten- und Musicaltheater gesammelt hatte, kam er 1973 als Ballett-Repetitor zu Gert Reinholm an die Deutsche Oper Berlin. Eine aufregende Zeit: Proben, Aufführungen, große Tourneen mit Balletten unter anderem von Valeri Panov ("seine ,Giselle ist die schönste von allen Versionen, die ich gesehen habe"), von Hans van Manen und 1975 sogar noch "Raymonda" von Nicholas Beriozoff und Tatjana Gsovsky. Gsovsky, die Pädagogin - bei der ja auch Konstanze Vernon studiert hat -, engagierte ihn auch des öfteren als Pianisten für ihre Ausbildungsklasse: "Sie war ja eine Revolutionärin. </P><P>Ihre Stunde war zwar ganz klassisch, aber fürs Exercice in der Mitte konnte ich moderne Musik spielen, zum Beispiel Stücke aus Boris Blachers ,Hamlet (1953 von ihr choreographiert, die Red.)." Die Begegnung mit Modern Dance allerdings erst in der Münchner Schule von Jessica Iwanson: "Bei ihr habe ich gelernt, wie ich diese moderne Bewegungssprache in meine Musik transformieren kann."<BR><BR>Aber der Rastlose hat noch einen Traum: "Als kleiner Junge war ich schon so fasziniert vom Kino, dass ich immer am Angestellten-Ausgang gewartet habe, weil ich hoffte, dass da meine Filmstars herauskämen", lacht er herzhaft. Vernons Mann Fred Hoffmann, vor seiner Funktion als Vorsitzender der Bosl-Stiftung im Filmgeschäft, macht ihn mit Enno Patalas bekannt. Und schließlich bietet der damalige Leiter des Münchner Filmmuseums ihm 1988 die Musikkomposition für Eisensteins "Panzerkreuzer Potemkin" an. </P><P>Seitdem hat er für 300 Stummfilme komponiert, von Fritz Langs "Metropolis" bis zu Murnaus "Nosferatu", von Lubitschs bis zu W. G. Papsts Werken. Partituren, in denen er klassische, moderne Musik, Volksmusik und Jazz vermischt. "Meine Musik ist ein Amalgam von allem, was ich je gesehen und erlebt habe. Ich habe keine Angst vor dem Begriff Eklektizismus. Ganz sicher sind auch immer wieder Ideen eingeflossen von Balletten, die ich einmal einstudiert habe." <BR><BR>"Meine Musik ist ein Amalgam."<BR>Aljoscha Zimmermann</P><P>Und wie geht er an einen Film heran? "Ich recherchiere zunächst alles über den Regisseur. Ich kenne natürlich schon viele, bei 800 gesehenen Filmen. Ich frage mich: Warum hat er den Film gemacht, warum zu dieser Zeit, mit diesem Drehbuch, mit diesem Kameramann? Jetzt kommt gerade der berühmte Fritz-Lang-Film ,Dr. Mabuse von 1922 auf DVD heraus. Er ist fünf Stunden lang. Da musste ich erst mal für mich klären: Machst du das mit Leitmotivtechnik für Situationen oder für die Protagonisten. Beispiel Paul Wegeners ,Golem von 1920, da gibt es ein Mädchen, eine Geliebte, einen Verliebten, einen bösen Menschen und einen guten. Wenn die Charaktere so unterschiedlich sind, kannst du ganz verschiedene Musiken machen." </P><P>Einen Auftragsfilm unzählige Male anschauen ist für den Besessenen selbstverständlich: "Du musst ja in dem Film - und nicht am Anfang, weil der noch nicht viel besagt - irgendeine Situation finden, die für dich unglaublich wichtig ist. In Wegeners ,Golem war das der Schluss: Das kleine Mädchen, das dieser Kunstmensch Golem hochhebt, aus schierer Freude, jetzt von den Menschen verstanden zu werden, nimmt ihm seinen ,Lebens-Stern von der Brust, und er fällt tot um. Da hatte ich meine Musik."<BR><BR>Filmmusik, Ballettmusik - es müsste Parallelen geben, denn Tanz und Stummfilm sind in ihrer wortlosen Bewegtheit wesensverwandt. Zimmermann dazu: "Nehmen wir Lubitschs amerikanische Heiratskomödie ,Marriage Circle von 1924: eine wunderbare Geschichte von Menschen, die sich verlieben. Für mich war das beim Komponieren schon Ballett, mit Pas de deux, Soli und Ensembles. Und wenn wir schon Parallelen ziehen zwischen beiden Kunstformen: Letztes Jahr wurde wieder ein Film von 1929 entdeckt, Kurt Bernhardts ,Die Frau, nach der man sich sehnt mit Marlene Dietrich. </P><P>Als ich ihn zum ersten Mal sah, dachte ich: Da kann man doch verrückt werden, dass dieser Film nicht berühmt geworden ist. Er wird jetzt restauriert. Aber wir haben ihn schon beim Bonner Sommerkino 2003 gezeigt. Da war so eine Stille. Also mir scheint es unwahrscheinlich, dass sich die Ballettgeschichte zwischen 1920 und 1940 nur auf ,Romeo und Julia und Kurt Joossens ,Grünen Tisch beschränkt. Ich glaube, dass solche Entdeckungen ähnlich wie im Stummfilm auch im Ballett möglich sind." </P>

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