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Zurück aus dem Irakkrieg, wird der US-Soldat Billy Lynn (Joe Alwyn) in seiner Heimat als Held gefeiert

Feigheit vor der Kinokasse

Filmkritik zu „Die irre Heldentour des Billy Lynn“

Nein, werte Leser, die Sternchenwertung ist nicht für Ang Lees Film. Der ist womöglich ein Meisterwerk. Das ernsthaft zu beurteilen, bekommen hierzulande aber weder Kritiker noch Publikum die Chance – deshalb der Punktabzug.

Nur so viel lässt sich sagen: Auch „Die irre Heldentour des Billy Lynn“ greift wieder Lees großes Thema auf – Menschen, die sich fremd fühlen in ihrer Zeit.

Anders aber als etwa in „Brokeback Mountain“, „Der Eissturm“ und „Tiger and Dragon“ spielt Lee diesmal nicht die sehnsüchtige, tragisch-romantische Variante durch, sondern eine bitter-pessimistische. Sein Film ist auch herber, weniger schenkelklopfend satirisch als Ben Fountains preisgekrönte Romanvorlage. Die Titelfigur ist im Irakkrieg zum Helden geworden – zumindest in der Fernsehbilder-Wahrnehmung daheim. Nun werden er und seine Kameraden landesweit zum Bejubeln rumgereicht, Aussicht auf eine Hollywood-Version ihrer Geschichte inklusive. In der Halbzeitpausen-Show eines Footballspiels sollen sie als patriotisches Unterhaltungs-Dekor dienen. Doch Billy Lynns traumatisierter Geist kann die Kluft zwischen Kriegserlebnissen und US-Alltag nicht schließen.

So wichtig waren Lee die Fragen von Präsenz und Virtualität, von Realismus und Lüge der Bilder, dass ihm konventionelle filmische Mittel nicht ausreichten. „Billy Lynn“ ist der erste Spielfilm überhaupt, der mit 120 Bildern pro Sekunde (statt der kinoüblichen 24) in 4K-HD-Auflösung und in 3D gedreht wurde. Und das ist alles andere als bloß äußerlicher, technischer Anstrich. Inhalt und Ästhetik sind wie stets bei wirklicher Kunst nicht voneinander zu trennen, sie bedingen sich. Jeder Aspekt des Filmemachens wurde von der Grundentscheidung geprägt. Nicht allein Kamera, Beleuchtung, Schnitt mussten neu überdacht werden, auch Schauspiel, Kostüme, selbst Make-up hatten für diesen Hyperrealismus unkonventionelle Lösungen zu finden.

Doch was bekommt man davon in unseren Kinos mit? Das blassestmögliche Abziehbild. Trotz mehrfacher Nachfrage teilt der deutsche Verleih nichts anderes mit als: „Der Film läuft in Deutschland in 2D.“ Freilich braucht die Projektion der vollen Pracht spezielle Auf- und Ausrüstung – selbst in den USA waren dazu nur eine Handvoll Kinos in der Lage. Aber zumindest 48 Bilder pro Sekunde und 3D wären seit Peter Jacksons „Hobbit“ auch hier mancherorts möglich. Vollends unverzeihlich ist, den einzigen 3D-US-Film seit Jahren, bei dem wirklich jede einzelne Einstellung bewusst auf Räumlichkeit komponiert ist, nicht zumindest in handelsüblichem 3D zugänglich zu machen. Das ist, als würde eine Gemäldeausstellung nur Kunstdrucke hängen („Wieso, die Motive sind doch gleich!?“), ein Sinfoniekonzert im Klavierauszug präsentiert („Die Melodien sind doch auch so schön!“).

Ziemlich sicher gaben die enttäuschenden US-Einspielergebnisse den Ausschlag, hierzulande alles Engagement für diesen Film schon vorab fahren zu lassen. Es geht ja auch nur um das Werk eines der bedeutendsten lebenden Regisseure, da ist es wurscht. Wer hoffte, dass Kunst im Kinogeschäft noch eine Rolle spielt, lebt in der falschen Zeit und Welt.

Thomas Willmann

„Die irre Heldentour des Billy Lynn“

mit Joe Alwyn, Garrett Hedlund Regie: Ang Lee Laufzeit: 113 Minuten

Unerträglich (;;;;

Dieser Film wird Ihnen womöglich gefallen, wenn Sie ihn eines Tages daheim auf Blu-ray in 3D sehen können.

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