Feldzug gegen die Dummheit

- "A Gentlemen of Nerve", also Männer ohne Nerven, heißt ein Film von Charlie Chaplin und handelt von einem Mann, der ungerührt alles um sich im Chaos versinken lässt. Sacha Cohen operiert in seiner grandiosen Komödie "Borat" nach demselben Prinzip. Und beweist, dass er keine Nerven hat.

Er läuft nackt in einen Kongress von Aktienhändlern oder trägt bei einem feinen Abendessen schon mal eine Plastiktüte mit seinen Exkrementen durchs Wohnzimmer. All das tut er in der Rolle des fiktiven kasachischen Fernsehreporters Borat, der mit der Kamera durch die USA reist, um eine Dokumentation über das Land zu drehen. Dabei bringt er sich mit selbstmörderischer Rücksichtslosigkeit in immer skurrilere Situation.

Die bedauernswerten Amerikaner, die das Pech haben Cohens Weg zu kreuzen, kennen das Konzept nicht. Sie halten den schnauzbärtigen Spinner in seinem zerknitterten Anzug für einen Kasachen, der einen Film über ihr Land macht. Also sind sie oft erst mal erstaunlich freundlich, lassen aber angesichts des ungeheuerlichen Auftretens von Borat bald alle Masken fallen und enthüllen dabei oft genug die fürchterliche Fratze der Gehässigkeit.

Auf den ersten Blick wirkt "Borat" wie eine Anhäufung von infantilem Nonsens. Aber in Wahrheit ist "Borat" ein hochintelligenter Feldzug gegen Dummheit, Rassismus und Borniertheit. Denn Borat trampelt als vulgäre, frauenfeindliche und offen rassistische Provokation durch das Land. Und das Erstaunliche daran ist: Seine lächelnd vorgetragenen Tiraden gegen Juden, "Zigeuner", Gleichberechtigung und liberales Gedankengut stoßen selten auf Widerspruch. Manchmal verbrüdern sich die Menschen sogar mit dem Idioten Borat, den Cohen mit schier unvorstellbarer Disziplin immer noch irrer agieren lässt.

So ist er einmal in den Südstaaten bei einem Rodeo zu Gast und wendet sich an das Publikum. Zunächst versichert er, dass Kasachstan den Krieg des Terrors der USA unterstützt. Niemand bemerkt den bösen Versprecher, alle klatschen. Also macht Cohen immer weiter und wünscht, dass Präsident Bush bald das Blut aller Iraker trinken werde. Die Reaktion: Jubel.

Aber Cohen ist kein blindwütiger Amokläufer. Er reagiert auf jede Begegnung individuell. So gibt es auch einige zärtliche und berührende Momente. Wenn Borat in einem schwarzen Viertel, in dem weiße Amerikaner gerne zügig durchfahren, einfach anhält und eine Gruppe von verwegen aussehenden "Homeboys" anspricht, entwickelt sich eine sympathisch unbeholfene Annäherung zwischen Außenseitern. Borat erfährt, wie man sich lässig kleidet, und die schwarzen Teenager sind offenkundig merkwürdig angetan davon, dass da ein "Weißbrot" völlig unbefangen mit ihnen redet

Erstaunlich virtuos lösen Cohen (Konzept) und Larry Charles das Problem, die Episoden bei seiner epischen Odyssee zu einem dramaturgisch stimmigen Film zu komponieren. "Borat" ist so ein wunderbar bizarrer Trip durch das Herz der Finsternis geworden, und gleich nach dem Abspann möchte man diesen genialen Rowdy wieder sehen. Man wünschte sich, es gäbe mehr solcher Gentlemen of Nerve.

Ab Donnerstag in München: Mathäser, Cinema, Gabriel, Leopold i.O., Maxx.

"Borat"

mit Sacha Cohen

Regie: Larry Charles

Hervorragend

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