Festivalchef im Fettnapf

- Eine Schmerzensfrau: Unbeweglich in ihrem Bett liegend, manchmal laut aufschreiend wird sie schön und leidend durch die Straßen getragen auf dem Weg zu ihrem letzten öffentlichen Auftritt kurz vor ihrem Tod 1954. Salma Hayek ist Frida Kahlo in Julie Taymors Film "Frida", einem nicht durchweg gelungenen, aber sympathischen, mit viel Herzblut umgesetzten Porträt der mexikanischen Künstlerin, mit dem zum 59. Mal die "Mostra", das Filmfestival von Venedig und der Wettbewerb um den "Goldenen Löwen", eröffnet wurde.

<P>Die Faszination der Malerei Kahlos liegt zu einem guten Stück im "Trotz alledem", in der Anstrengung, mit der die Künstlerin ihr Werk der schweren Krankheit - zeitlebens litt sie unter den Folgen ihrer Kinderlähmung und eines schweren Verkehrsunfalls 1925 - abgerungen hat. So gesehen entspricht "Frida" dieser Künstlerin ganz gut, denn Taymors Film ist so leidenschaftlich und intim, dabei so naiv wie Kahlos Malerei, ohne freilich deren Surrealismus zu teilen. Am meisten beeindruckt das Engagement der Hauptdarstellerin Salma Hayek - eine Hommage auch an ihr Herkunftsland. So porträtiert "Frida" voller Pathos außergewöhnliche Menschen voller Mut und Engagement, wie man sie in der heutigen von Funktionären und Wellenreitern geprägten Kulturlandschaft kaum noch findet.</P><P>Unfreiwillig ist dies auch ein Gegenentwurf zu dem Geist, den die diesjährige "Mostra" im übrigen zu repräsentieren scheint. Noch immer schlagen die Äußerungen ihres neuen Leiters, des langjährigen Berlinale-Chef Moritz de Hadeln, hohe Wellen. Der hatte zu aller Überraschung sein eigenes Festival in Zeitungsinterviews öffentlich herabgesetzt - "Der Goldene Löwe ist nichts mehr wert" -, und im Katalog für Kino als "politisches Niemandsland" plädiert; was aller Erfahrung nach immer nur ein Wunsch der Rechten ist und im Kontext der Vorjahresangriffe durch die Berlusconi-Regierung als politischer Kotau erscheinen muss. So einfach liegen die Dinge aber auch im Italien der Gegenwart nicht. Nachdem man allein mit der Retrospektive für Altmeister Antonioni dem Autorenfilm noch Reverenz erweist, ansonsten Kommerzialität das bisher avantgardistischste aller Festivals dominiert, werden schon jetzt am Lido Wetten angenommen, dass 2002 de Hadelns einziges Jahr als "Mostra"-Leiter bleiben wird.</P><P>Zumindest im "Controcorrente", dem kleineren der beiden Wettbewerbe, darf man aber mit waghalsigen, spannenden Filmen rechnen. Zwar enttäuschte Steven Soderbergh mit "Full Frontal", einem konfusen, uninspirierten Versuch, in Robert Altmans Fußstapfen das Chaos des Alltags in einen Episodenfilm zu fassen, der seinen anfänglichen Charme schnell einbüßt. Begeistern konnte dafür "Lilya 4 ever", der dritte Film des Schweden Lukas Moodysson. Nach seinen beiden fröhlich-sensiblen Filmen "Fucking Amal" und "Zusammen!" erzählt er, untermalt von Vivaldi wie Rammstein-Musik, ungleich Traurigeres: Die eindringliche Passionsgeschichte eines 15-jährigen russischen Mädchens. Einsam, verarmt und haltlos landet es schließlich als illegale Hure in Schweden. Immer passiert das Schlimmstmögliche. Um so eindringlicher wirkt Lilyas ungebrochener Glückshunger, ihr kindliches Hoffen und eine engelsgleiche Unschuld. Am meisten leidet der Zuschauer, der das Unvermeidliche immer als Erster kommen sieht.</P><P>So starten die Wettbewerbe am Lido mit ernsten Geschichten über Leid und Willensstärke, in denen es wenig zu lachen gibt. Ein spannender Beginn und glücklicherweise eine frühe Absage an alle, die auf ein "politisches Niemandsland" hoffen.</P>

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