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The Fighter: Gekämpft wird jenseits des Rings

München - Kinogänger dürfen sich bei „The Fighter“ auf ein packendes Sport- und Lebens-Drama freuen. Die Filmkritik und den Trailer gibt es hier:

Klarer geht es nicht: „In seinen intensivsten Momenten“, schreibt Joyce Carol Oates in ihrem Essay „Über Boxen“ zeichne der Faustkampf „ein so ungebrochenes und so machtvolles Bild des Lebens – seiner Schönheit, seiner Verletzlichkeit und Verzweiflung, seines unberechenbaren und oft selbstzerstörerischen Muts –, dass es (das Boxen, Anm. d. Red.) das Leben selbst ist und kaum ein bloßer Sport“. Natürlich ist die Aussage der US-amerikanischen Autorin, Jahrgang 1938, aufs Kino übertragbar: Auch Boxer-Filme erzählen vom „Leben selbst“, wie jetzt David O. Russell in „The Fighter“ eindrucksvoll beweist.

Wenn auf der Leinwand geboxt wird, geht es manchmal um Leidens- und Erlösungsgeschichten: Martin Scorsese erzählte etwa in „Wie ein wilder Stier“ (1980) eine solche. Viel häufiger sind Boxer-Dramen aber Emanzipations-Geschichten, die daher auch Zuschauer ansprechen, die den Sport nicht mögen: „Rocky“ (1976) berichtete vom Aufstieg eines ungebildeten Niemands aus den Armenvierteln, „Rocky IV“ nahm 1985 den Sieg des Kapitalismus über den Kommunismus vorweg, und „Rocky Balboa“, der sechste und letzte Teil der Reihe mit Sylvester Stallone, erzählte 2007 vom Sieg des Willens über die Biologie, den Alterungsprozess. Andere Filme wie „Girlfight“ (2000) oder Clint Eastwoods Oscar-prämiertes Drama „Million Dollar Baby“ (2004) zeigten die Emanzipation von Frauen in der Männerwelt.

In „The Fighter“ erzählt Regisseur Russell die wahre Geschichte einer Befreiung: die des irisch-amerikanischen Boxers Micky Ward, der es als Arbeiterbursche aus einem Kaff in Massachusetts zum Weltmeister brachte. Doch Ward musste nicht nur von seiner Unterschichten-Existenz loskommen. Um eine echte Chance auf den Gürtel des Weltmeisters zu haben, musste er sich auch von seiner Familie befreien: von der Mutter, die als Managerin den Sohn selbst in aussichtslose Kämpfe schickt, um die karge Gage zu kassieren, und vom Bruder, einem Ex-Boxer, der sich ständig im Weg steht und Micky kaum trainieren kann, weil er Crack-süchtig ist.

Damit aber nicht genug: Wards Freundin Charlene hilft ihm zwar, sich von der Familie zu lösen. Doch er muss sich auch gegen diese zupackende Frau, die Amy Adams mit dem herben Charme einer Vorstadt-Schönheit spielt, wehren – und trotz ihrer Liebe eigenständig bleiben. Erst als Ward – schmerzhaft – den eigenen Selbstwert erkennt und zu verteidigen lernt, ist der Fighter zum Kampf seines Lebens gerüstet. Erst dann ist er der Insignien eines Weltmeisters würdig. Der echte Kampf, erzählt David O. Russell unaufdringlich und mit viel Gespür für seine Charaktere, die Orte und Stimmungen, findet außerhalb des Rings statt.

Russell ist es zudem gelungen, diese Lebensgeschichte packend und wahrhaftig zu inszenieren. Weder er noch seine großartigen Schauspieler – Mark Wahlberg in der Hauptrolle, Melissa Leo als seine Mutter und Christian Bale als Bruder (beide Nebendarsteller zu Recht mit einem Oscar geehrt) – verraten ihre Figuren. Leicht hätten die zu Karikaturen werden können, doch wir erleben sie in diesem sehenswerten Film wie „das Leben selbst“: schön, verletzlich, verzweifelt – und mutig.

Michael Schleicher

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