Es ist nur ein Film

- Jahrzehntelang war es ein Sport unter Kritikern und Cineasten, sich über Clint Eastwood zu mokieren. Reaktionär wurde er genannt, mancher fand noch drastischere Worte. Die Versuchung war einfach zu groß, sich auf den oberflächlichen Eindruck zu verlassen und den breitschultrigen Kalifornier, der mit Western und Polizei-Thrillern berühmt geworden war, als Personifizierung des dumpfen Amerikaners zu diffamieren, der erst mal alle Anwesenden erschießt und dann fragt, was los ist.

<P class=MsoNormal>Das Staunen war also groß, als das Münchner Filmmuseum 1982 in einer Werkschau jene Filme zeigte, bei denen Eastwood Regie geführt hatte. Es war das erste Mal, dass Eastwood in Europa als Filmemacher gewürdigt wurde. Für ihn Anlass genug, an die Isar zu kommen, um sich anzusehen, was für Leute ihn da ausnahmsweise richtig verstanden haben könnten. Als Eastwood diesen Februar auf der Berlinale sein "Million Dollar Baby" vorstellen sollte, sagte er ab. Jetzt liegen sie ihm, der am Dienstag 75 Jahre alt wird, alle zu Füßen, die Kritiker, die Fans und die Academy of Motion Picture Arts and Sciences, die ihm zweimal den Oscar für die beste Regie in die Hand gedrückt hat.</P><P class=MsoNormal>Eastwood ist es mittlerweile gewohnt, in Elogen gefeiert zu werden, und man darf vermuten, dass es ihm längst egal ist. Zu Recht. Seinen Erfolg hat er sich hart erarbeitet, es war ein langer Weg für ihn. Zu lange, um immer wieder zurück zu blicken. Er arbeitet lieber. Gerade bereitet er seinen neuen Film "Flags of our Fathers" vor - immerhin seine 27. Regie in 34 Jahren. Fast hat es den Eindruck, dass er so besessen dreht, weil er verlorene Zeit aufholen möchte. Denn dass Clint Eastwood einmal als einer der Großen der Kinogeschichte gelten würde, war alles andere als vorhersehbar.</P><P class=MsoNormal>Geboren wurde er am 31. Mai 1930 in San Francisco als Sohn eines Buchhalters, der im Sog der Wirtschaftskrise arbeitslos geworden war und sich als Hilfsarbeiter über Wasser hielt. Die ganze Familie musste schuften, um über die Runden zu kommen. Und wenn man sich Eastwoods Leben und Werk betrachtet, wird klar, dass ihn diese Zeit der Entbehrung geprägt hat. Bis heute hat Eastwood für Schlendrian und Verschwendung nichts übrig. Schon als Schauspieler beschränkte er sich aufs Wesentliche, was ihm viele als mangelndes Talent ankreideten.</P><P class=MsoNormal>Sergio Leone sagte einmal, dass Eastwood ein ebenso guter Schauspieler wie etwa Robert de Niro sei - er habe nur einen völlig anderen Ansatz. Weil das zuvor keiner erkannte, dümpelte Eastwood zu Beginn seiner Laufbahn in den 50er-Jahren nur in Nebenrollen vor sich hin und arbeitete viel fürs Fernsehen. Erst Leone machte ihn Mitte der 60er mit "Für eine Handvoll Dollar" zum Star. Da war Eastwood schon 40 und bekam das Image der Macho-Ikone verpasst. Aber das war ihm wohl auch ganz recht so - er konnte sich dahinter verschanzen. Seine Empfindsamkeit, Intelligenz und auch seine Selbstzweifel legt er lieber in seine Filme statt darüber zu reden. Dass Eastwood ein philosophischer Grübler ist, ein feinsinniger Kunstkenner und hingebungsvoller Musikliebhaber - all das kann man aus seinen Filmen erschließen, aus seinen öffentlichen Äußerungen nicht.</P><P class=MsoNormal>Als Regisseur ist Eastwood berühmt-berüchtigt. Er mag es nicht, wenn er eine Einstellung wiederholen muss, und seine Schauspieler wissen, dass er noch viel weniger Lust hat, während der Dreharbeiten Grundsatz-Debatten zu führen. Also bereiten sie sich akribisch vor und liefern nicht zuletzt deswegen unter Eastwoods Regie oft genug die besten Leistungen ihrer Karriere ab. Eastwood ist Pragmatiker - er will Ergebnisse und er weiß, wie er sie bekommt. Als Mensch bleibt er dabei aber immer undurchschaubar. Seine diversen außerehelichen Aktivitäten lassen ihn nicht eben als jenen disziplinierten Asketen erscheinen, als der er sich gerne gibt. Und seine zur Schau getragene Abscheu vor Künstlertum will nicht so recht zu seiner großen Leidenschaft passen, dem Klavierspiel. Ein widersprüchlicher Unangepasster, der es geschafft hat, ein wahrer Künstler zu werden und bodenständig zu bleiben.</P><P class=MsoNormal>Eastwood liebt seine Arbeit und meint es dennoch ernst, wenn er erklärt, es gäbe keinen Grund zu viel darüber nachzudenken: "It's just a Movie - Es ist nur ein Film."</P>

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