Film-Biennale Venedig: Merkel und das Monster

Venedig - Ein reicher Mann engagiert einen armen Mann. Für Arbeit, die dieser nicht machen kann. Die beiden ergänzen sich gut, könnten sogar Freunde sein. Aber der arme Mann verliebt sich in die schöne Frau des reichen Mannes. Und das Unglück nimmt seinen Lauf.

Aus drei Perspektiven erzählt Christian Petzold seinen neuen Film "Jerichow", mit dem gestern in Venedig der FilmfestivalWettbewerb begann: Zunächst aus der von Thomas, der gerade als Soldat unehrenhaft entlassen und verfolgt von den Gläubigern ins Dorf seiner Kindheit zurückgekehrt ist. Es heißt Jerichow und liegt irgendwo im wilden Osten Deutschlands. Dann kommt Ali ins Spiel, der in der Gegend eine Döner-Kette aufzieht und einen Fahrer braucht. Das letzte Drittel gehört Laura, der Frau, die sich von Ali hat kaufen lassen.

Benno Fürmann, Hilmi Sözer und Nina Hoss spielen dieses Dreigestirn. Noch nie sah Fürmann so wenig bubihaft aus wie hier, ein hochgradig präsentes Spiel. Hoss fügt ihren vielen Auftritten eine weitere faszinierende Facette hinzu. Die Entdeckung ist aber Hilmi Sözer, das Herz des Films. Wem der Plot übrigens irgendwie bekannt vorkommt, der liegt nicht falsch: Petzold nutzt gern die Filmgeschichte als Hintergrund: Diesmal "Wenn der Postmann zweimal klingelt", James M. Cains Novelle, die zuerst Viscontis "Obsession" von 1943 (mit Anna Magnani) inspirierte, dann zwei berühmte Films Noirs. Petzolds Interpretation des Stoffes über Armut und Amour (fou) ist ein Meisterwerk an Konzentration, geprägt durch jene ganz eigenartige, unverwechselbare Petzold-Atmosphäre.

Eröffnet wurde die 65. "Mostra de Cinema" mit "Burn After Reading", dem neuen Film der Coen-Brüder ("No Country for Old Men"). Bis zum Morgen hatte man noch eifrig gehämmert und geschraubt, und nur zögernd verwandelte sich die verschlafene Spätsommerstimmung des Ferienstrandes von Venedig in ein vibrierendes Filmfestival, das für zwölf Tage den Nabel der Kinowelt bildet. Am Abend standen dann die für manche schönsten Männer der Welt braungebrannt auf dem roten Teppich vor dem Kinopalast am Lido: George Clooney und Brad Pitt, die Stars des Eröffnungsfilms.

"Burn After Reading" ist eine handwerklich virtuos inszenierte, ziemlich alberne Geheimdienstkomödie. Auch eine Komödie moderner Geschlechterbeziehungen. Im Zentrum stehen drei Männer, zwei von ihnen CIA-Mitarbeiter, und drei Frauen. Unter der Oberfläche ist die Sicht aufs menschliche Beziehungsleben dann gar nicht mehr so witzig, sondern recht pessimistisch: Keine Ehe ist glücklich, die Männer sind durchweg Schwätzer, Vollidioten, uninteressant und angeberisch, die Frauen stärker, erfolgreicher, dem "starken Geschlecht" überlegen. Was schiefgehen kann, geht schief: "Murphy's Law" als Drehbuchprinzip und Star-Kino der alten Schule mit viel Dialogwitz und genug Substanz, um ein Festival dieser Dimension angemessen zu eröffnen.

Im Rennen um den begehrten Goldenen Löwen laufen unter anderem Filme von Jonathan Demme, Kathryn Begelow und dem Deutschen Werner Schroeter, der nach über zehn Jahren Theater ins Kino zurückkehrt. Mit besonderer Spannung erwartet werden aber (noch) unbekanntere Namen: der Türke Semi Kaplanoglu, der Chinese Yu Lik-wai und der Mexikaner Guillermo Arriaga - heimliche Favoriten für die Preise in zehn Tagen. Außer Konkurrenz werden Filme der Französinnen Claire Denis und Agnès Varda gezeigt, aber auch eine kuriose Politsatire des Japaners Minoru Kawasaki: "Monster X strikes back: Attack the G8 summit!" erzählt vom Angriff eines Riesenmonsters auf den G8-Gipfel. Auch Angela Merkel kämpft dann mit ihren Waffen gegen das Ungeheuer. Keine Nation, am wenigsten die eigene bleibt vom Spott des Filmemachers verschont - Lachsalven am Lido.

Zwei weitere Arbeiten beeindruckten: "Una semana solos" von der Argentinierin Celina Murga ist ein bezaubernder Film über Kinder, die in einem Reichenghetto sich selbst überlassen sind. Und "Prescuit Sportiv" vom Rumänen Adrian Sitaru. Ein Film über einen harmlosen Angelausflug, der zum Drama gerät - ein Spiel mit Vermutungen, eine Studie über Misstrauen, Freiheit und Glück. Insgesamt souveräne, spannende Debüts, die Hoffnung wecken auf ein großartiges Festival.

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