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"Ich habe intensiv große Kinobilder gesucht": Die feine Lübecker Gesellschaft lustwandelt am Strand von Travemünde, angeführt von Senatorin Möllendorf (Sunnyi Melles, li.) und ihrem Gatten Senator James (Josef Ostendorf, 3.v.li.). Der Film startet morgen.

Interview

Das deutsche Hausbuch

Heinrich Breloer über die industrielle Revolution und seine Verbeugung vor Thomas Mann.

Mit einem Etat von 16 Millionen Euro gilt die Neuverfilmung von Thomas Manns Roman "Buddenbrooks" als eine der teuersten deutschen Kino-Produktionen überhaupt. Regisseur Heinrich Breloer drehte mit seiner hochkarätigen Besetzung an Originalschauplätzen in Lübeck. Zu erleben sind Armin Mueller-Stahl als Konsul Jean Buddenbrook, Iris Berben als Konsulin Bethsy und Jessica Schwarz als Tony Buddenbrook. Breloers Film startet morgen.

Sie haben auch das Drehbuch geschrieben. Nach welchen Kriterien wurde der über 700-seitige Roman bearbeitet?

Mit großem Respekt vor Thomas Mann. Es sollte Thomas Mann drin sein, wenn Thomas Mann draufsteht. Ich hatte vom Fernsehen die Vorgabe, zweimal 90 Minuten zu liefern, vor allem aber eine Kinofassung von etwa 145 Minuten Länge zu drehen. Man musste die Vorlage folglich enorm verdichten. Die Kerngeschichte musste dabei sichtbar bleiben: Eine Kaufmannsfamilie verliert immer mehr an Vitalität, wird dabei aber immer feinfühliger.

Es ist ja auch die Geschichte eines Handelshauses.

Im 19. Jahrhundert wurden die Menschen in einen Strudel von Ereignissen gerissen. Ein immer dynamisch werdender Kapitalismus traf auf eine industrielle Revolution. Mich hat dabei das Vaterunser des Kapitalismus interessiert: Das Geld will sich vermehren, geben sie ihm dafür Raum und Gelegenheit. Wir befinden uns derzeit ebenfalls in einer industriellen Revolution. Die wird geprägt durch Computer und die Biotechnik bei einer gleichzeitigen globalen Öffnung der Märkte.

Das Buch hat den Untertitel: "Verfall einer Familie". Wie aktuell ist dieses Verfallsthema, die Decadence? Ein Thema, das sich ja durchs gesamte Werk von Thomas Mann zieht...

Er hat dieses Thema durchgespielt am Material seiner Familie und seiner Heimatstadt: Menschen werden lebensschwächer, gewinnen aber an Sensibilität und werden dadurch skrupulöser. Thomas Buddenbrook sagt, er könne nicht mehr hart sein - und geht daran zugrunde. Thomas Mann selbst war nicht so. Er war ein bürgerlicher Schriftsteller. Morgens um neun saß er gleichsam im Kontor: Unser täglich Blatt gib uns heute. In seinem Buch genießt Deutschland einen unglaublichen Aufstieg, während die Buddenbrook-Familie verfällt. Die Mischung aus industrieller Revolution, Kapitalismus und neuen Finanzprodukten bringt das Land zur unglaublichen Blüte. So ist es übrigens auch heute: Ich sehe so viele intelligente, strebsame, energische türkische Mitbürger - die machen tolle Geschäfte und denken gar nicht daran, schlapp zu machen.

Das sind also die neuen Buddenbrooks? Die Döner-Händler, die zu Millionären werden?

Das kann man so sagen.

Welches Publikum haben Sie vor Augen? Was muss es mitbringen?

Das Publikum muss gar nichts mitbringen - außer seiner Lebenserfahrung und einer gewissen Neugier. Diesen Film kann jeder verstehen. Man mag mir alle diese Dinge vorwerfen: dass ich keinen Experimentalfilm gedreht habe. Dass ich Schauspieler so anziehe, wie eine reiche Familie sich anziehen musste. Dass ich eben den Glanz zeige. Die "Buddenbrooks" sind ein Volksbuch. Das deutsche Hausbuch, von Generationen immer wieder gelesen. Und wenn ich möchte, dass die Deutschen wieder zum Buch greifen, kann ich das auch durch einen Film erzielen, der populär erzählt.

Mitunter bietet der Film in der Erzählweise - viele Nahaufnahmen, wenige offene Räume - eine Fernseh-Optik. Man denkt sich: Das könnte man im Kino anders schildern.

Das ist mein erster Kinofilm. Man muss ja was riskieren. Wir haben intensiv große Kinobilder gesucht. Ich habe aber nicht eine Minute an die Unterscheidung gedacht: Dies ist jetzt Kino, dies Fernsehen. Ich habe immer versucht, Intensität zu erzeugen. Mit welchen Mitteln, ist egal. Der Film ist meine Verbeugung vor Thomas Mann. In einer konservativen Erzählweise, wenn man so will. Ich war das dem Mann und dem Roman schuldig.

Das Gespräch führte Rüdiger Suchsland.

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