Film der Woche: Aufrechte Reporter

Kevin McDonald schafft mit „Stand der Dinge“ die Wiederbelebung des ernsthaften politischen Thrillers.

Unverhofft taucht ein Filmheld auf, der lange verschollen war: der aufrechte Journalist, der gegen alle Widerstände politische Skandale aufdeckt. Das alleine macht diesen Film schon bemerkenswert, waren Journalisten in den Hollywood-Filmen vergangener Jahre doch lästige Störenfriede, die die Bevölkerung unnötig verunsichern und die richtigen Leute daran hindern, das Richtige zu tun. Terrorverdächtige, ohne Verfahren zu liquidieren beispielsweise, oder geheime Kriegsoperationen auszuführen. Insofern ist es ein interessanter Gradmesser für das gewandelte Bewusstsein in den USA, dass Russell Crowe und Rachel McAdams hier als unerschrockene Reporter die Guten sind, eben weil die den „Machern“ in die Parade fahren.

Sie finden heraus, dass ausgerechnet jene Firmen, die von der unsicheren politischen Lage profitieren, Milliardenaufträge vom Staat einstreichen. Regisseur Kevin McDonald meistert das Kunststück, eine erfundene Geschichte so zu erzählen, als wäre sie wahr, ohne konstruiert zu wirken. Damit gelingt McDonald etwas schier Unmögliches: die Wiederbelebung des ernsthaften politischen Thrillers. So realistisch, wie es eine erfundene Handlung eben hergibt, begibt sich der Film auf eine Odyssee durch den Sumpf des politischen Geschäfts. Ironischerweise wird ausgerechnet der einzig integre Politiker (Ben Affleck mit einem guten Auftritt) zum Buhmann, und der einzige, der ihm helfen kann – das ist die Ironie –, ist der unbeliebteste Journalist in Washington.

Russell Crowe leistet sich den Luxus, diesen Journalisten mit reichlich unsympathischen Zügen auszustatten, und verhindert zugleich, dass hier eine platte Heldensaga abgespult wird. Guter Journalist hilft aufrechtem Politiker gegen dunkle Mächte – so einfach macht es sich der Film gerade nicht, und das ist seine Stärke. Denn zunehmend wird klar, dass es sich hier nicht um korrupte Politiker dreht, sondern um die Rolle der Medien. Die Verflachung der Berichterstattung, die Reduzierung von Journalismus auf Unterhaltung und Geschäft ist das Thema. Denn die große Geschichte stößt innerhalb der Zeitung nicht auf Euphorie – ein Querverweis auf den Klassiker „Die Unbestechlichen“. 1976 durften die Reporter (Dustin Hoffman und Robert Redford) mit Rückendeckung des Verlags Watergate aufdecken. Diese Zeiten – das Motiv zieht sich durch den gesamten Film – sind vorüber. Jetzt muss die Auflage stimmen, alles andere ist egal. Ein kluger Film über die Zusammenhänge zwischen Freiheit und Ökonomie. (In München: Mathäser, Cinemaxx, Royal, Filmcasino, Leopold, Atlantis OmU, Cinema OV, Sendlinger Tor.)

Zoran Gojic

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