Film der Woche: Ballern, Blut und keine Haltung

- Es war einmal in Westdeutschland. Eine Handvoll Menschen wollte die Welt verändern, und dafür war ihnen jedes Mittel recht. Sie nannten sich "Rote Armee Fraktion" und kämpften mit Gewalt gegen das, was sie "Schweinesystem" nannten. Sie wurden schnell gefasst, aber sie hatten Nachfolger und Sympathisanten, weil der Staat, der sie verfolgte, nicht gerade glücklich agierte und sich Blößen gab.

Es klingt wie ein Märchen und ist doch eine Tragödie der Wirklichkeit. Uli Edels unter Produzent und Drehbuchautor Bernd Eichinger entstandener Film "Der Baader Meinhof Komplex" ist zwar eine Sachbuchverfilmung nach Stefan Austs Vorlage, betont aber diese märchenhaften und romantischen Aspekte des Stoffes noch.

Die Geschichte ist das eine, der Film ist das andere. Die Geschichte ist ohne jede Frage hochinteressant. Der Film jedoch blendet all dies aus und erzählt die Story als Räuberpistole - mit viel Geballer und einer Menge Blut. Auf alle Fälle ist das Werk professionell gemacht. Aber das ist auch das Mindeste, was man von der mit über 20 Millionen Euro teuersten Produktion der deutschen Filmgeschichte erwarten darf. "Der Baader Meinhof Komplex" ist gut inszeniert. Hier, nicht im Drehbuchschreiben, liegt seit jeher die Stärke Eichingers, der seine unter ihm agierenden Regisseure im Schneideraum nicht aus den Augen lässt und daher der eigentliche Autor ist.

In rasanten Schnitten und ultrakurzen Szenenfetzen wird die RAF-Geschichte als bewegter Fotoroman erzählt. Man sieht die Meinhof und ihre Kinder am Nacktbadestrand, Polizeiknüppel gegen Demonstranten, Kaufhausbrand in Frankfurt, Großmaul Baader, Fundamentalistin Ensslin, glamouröse Figuren, die bald Fratzen des Terrors werden. So wie der Staat hier auch als Fratze erscheint. Bis alles im RAF-Führerbunker von Stammheim mit dem Selbstmord der Insassen endet. Man kennt das. Neues gibt es nicht zu erfahren.

Für Tiefe, Differenzierung und Psychologie ist in zweieinhalb Stunden rasendem Stillstand keine Zeit. Aber alles ist gut gespielt. Martina Gedeck als Ulrike Meinhof beeindruckt. Johanna Wokalek als Gudrun Ensslin ist glänzend. Eine Offenbarung ist Nadja Uhls Auftritt als Brigitte Mohnhaupt. Eine Fürstin des Terrors, die aus Eichingers Vorlage ihren eigenen Film macht, der gar nicht in den Rest-Film hineinpasst - den man aber gern gesehen hätte.

Dem "Baader Meinhof Komplex" fehlt Entscheidendes: Abgrund und Geheimnis. Alles bleibt beflissen und brav. Eine Sachbuchverfilmung eben. Das Problem ist: Sie hat keine Haltung. Es reicht nicht, wenn man darauf verweist, dass der Stoff "wichtig" sei. Aber wieso soll man sich so was überhaupt anschauen? Was ist es, das wir 2008 von diesem Film erfahren könnten? Er ist nicht mehr als unterhaltsam aufgemotztes Bildungsfernsehen. Visueller Schulfunk für die, die nichts wissen und sich so das Lesen ersparen. Vor allem aber eine Chronik aus parasitären Bildern, die von historischen Motiven leben, in sie hineinkriechen und sie überlagern wollen.

Nach dem "Untergang" versammelt Eichinger einmal mehr historische Pappkameraden in geschlossenen bunkerartigen Räumen. Es muss eine Obsession sein. Noch einmal zeigt er deutsches Täterkino, diesmal leichter romantisierbar, aber doch ohne jeden poetischen Überschuss. Weder eine "Maria Stuart" oder ein "Richard III." für unsere Zeit, aber auch kein freies Mythenspiel wie Christopher Roths "Baader". Eher ein RAF-Stadl. "Der Baader Meinhof Komplex" ist all die Aufregung nicht wert.

Er ist ganz inaktuell, weil er alles an heutigem Terror und Antiterrorkampf ausblendet. Er bietet nichts Neues, nicht einmal Spannung, denn man weiß ja, wie es ausgeht. Und damit man genau das nicht merkt, ist er reißerisch, fetzig und laut. (In München: Arri, Cadillac, Cinema, City, Eldorado, Gloria, Münchner Freiheit, Mathäser, Maxx, Rex, Rio, Royal, Sendlinger Tor, Kino Solln.)

"Der Baader Meinhof Komplex"

mit Moritz Bleibtreu, Martina Gedeck

Regie: Uli Edel

Erträglich **

Sachbücher über die RAF

Stefan Austs Buch "Der Baader Meinhof Komplex", die Vorlage zu Eichingers gleichnamigen Terror-Drama, erschien erstmals 1985. Es war das erste ernstzunehmende zeitgeschichtliche Werk zum deutschen Linksterrorismus durch die Rote Armee Fraktion (RAF), wurde schnell zum Bestseller und seitdem dreimal neu erweitert und aufgelegt - zuletzt in diesen Tagen bei Hoffmann und Campe. Journalistisch zuspitzend und dramatisierend geschrieben ist es ein, aber beileibe nicht das einzige, Standardwerk zum Thema.

Längst sind neue Fakten in neuen Werken veröffentlicht, die Austs Darstellung relativieren: Am abgewogensten in seinen Urteilen ist Willi Winkler "Die Geschichte der RAF" (Rowohlt, Hamburg 2007). Das materialreichste Werk ist Butz Peters' "Tödlicher Irrtum" (Argon-Verlag, Berlin 2004).

Weitere wichtige Bücher: Astrid Proll: "Hans und Grete. Bilder der RAF 1967-1977" (Aufbau-Verlag, Berlin 2004), Jutta Ditfurth: "Ulrike Meinhof. Die Biografie." (Berlin: Ullstein 2007), und der hochspannende Insiderbericht "So macht Kommunismus Spaß. Ulrike Meinhof, Klaus Rainer Röhl und die Akte Konkret" von Meinhof-Tochter Bettina Röhl (EVA, Hamburg 2006).

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