Film der Woche: Nur ein magischer Moment

München - Der Moment, in dem sich zwei Menschen ineinander verlieben, ist pure Magie. In der Filmgeschichte gibt es unzählige dieser unvergesslichen Sekunden, in denen sich die Blicke erstmals streifen. Sich kreuzen. Und schließlich ineinander verlieren. Die Spanierin Isabel Coixet zaubert in ihrer Philip-Roth-Adaption "Elegy oder die Kunst zu lieben" einen solchen Augenblick auf die Leinwand.

Wenn sich Penélope Cruz als Studentin Consuela und Ben Kingsley als alternder Professor und Gewohnheitsplayboy David Kepesh während einer Vorlesung erstmals bewusst wahrnehmen, brennt der Hörsaal. Doch der magische Moment verfliegt. Und mit ihm der Charme des Films. Der bindungsunwillige Jäger und Sammler gerät an die eine, die nicht ist wie die Legionen vor ihr. Sie will ihn ihrer Familie vorstellen, doch Kepesh weicht aus. Sie plant eine gemeinsame Zukunft, doch Kepesh möchte sich nicht festlegen. Also zieht Consuela einen Schlussstrich und überlässt den unerwachsenen Alten seinen flüchtigen Abenteuern, seinem besten Kumpel (Dennis Hopper) und dem Squashspiel.

Isabel Coixet hat mit "Mein Leben ohne mich" 2003 eines der bewegendsten Dramen der letzten Jahre gedreht. Schnörkellos erzählte sie von einer schwerkranken Frau, die unbemerkt von Mann und Kind deren Leben plant - nach dem bevorstehenden eigenen Tod. Coixet gelangen unspektakuläre Geschichten, in denen wenig geschah und sich trotzdem viel ereignete.

Diesmal passiert nichts. Nach dem ersten Abendessen nimmt Kepesh die sanfte Consuela mit nach Hause. Physisch ereignet sich in dieser Nacht und den folgenden eine ganze Menge. Doch "die Kunst zu lieben" lässt sich dadurch so wenig verfeinern wie durch rhythmische Sportgymnastik. Zum Schwelgen schön sind die Bilder, erlesen in kühlen Blau- und Brauntönen, vor denen die hellen Gesichter wie in Marmor gemeißelt wirken. Die Optik ist betörend wie immer bei Coixet. Nur diesmal auf eine irritierend leblose Weise. Kein einziger Funke springt über zwischen beiden, der das Dunkel erhellen könnte. Wie schon in der Verfilmung des Roth-Romans "Der menschliche Makel" mit Anthony Hopkins und Nicole Kidman ist das Problem in der Umsetzung des Buches zu suchen.

Die Werke des Machos Philip Roth sind scharfsinnige Analysen diverser Zeitströmungen, psychischer und sozialer Befindlichkeiten. "Das sterbende Tier", die Vorlage für Coixet, bildet da keine Ausnahme. Erbarmungslos legt Roth die Lebenslüge einer Generation offen, der die sexuelle Revolution kein Glück gebracht hat. Doch Roths Texte sind oft eine Art Monolog, der nur einen Blick auf das Geschehen gestattet - den des Erzählers.

Im Film ist diese enge Vorgabe, in welche Richtung man zu schauen hat, zu begrenzt und ermüdet schnell. Es erscheint daher nicht ohne unfreiwillige Komik, dass ausgerechnet Coixet, deren frühere Produktionen von betörender Zartheit waren, ihre atemberaubend schöne Hauptdarstellerin hier abfilmt wie ein wollüstiger Voyeur. Hätte der alte Bertolucci Regie geführt, würde einen nach schwülen Filmen wie "Stealing Beauty" oder "Die Träumer" ein derart aufwändig arrangierter Altherrenstil nicht verwundern. Bei Coixet verstört das Ergebnis zutiefst. (In München: Filmcasino, Leopold, Eldorado, Atlantis OV.)

"Elegy oder die Kunst zu lieben"

mit Penélope Cruz, Ben Kingsley

Regie: Isabel Coixet

Annehmbar ***

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