Film der Woche: Triumph der Improvisation

München - Der Höhepunkt dieses Films, und es ist einer der Höhepunkte des Kinojahres, kommt am Ende. Es ist der Auftritt eines jungen Mädchens, ein Bauchtanz, aber einer, wie man ihn - versprochen! - noch nie gesehen hat: ein Opfergang, ein Zeichen der Würde und eine Tat der Ökonomie, vor allem aber ein Akt der Liebe.

Und um Liebe in vielen Facetten geht es in "Couscous mit Fisch", dem in Venedig mit zwei Löwen prämierten dritten Spielfilm des in Tunis geborenen Franzosen Abdellatif Kechiche.

Eine Hafenrundfahrt führt den Zuschauer ein in die Szenerie einer südfranzösischen Stadt. Fische sind das einzige, das hier alle im Überfluss haben. In einer Ecke werden alte Schiffe verschrottet. Hier arbeitet der Franco-Araber Slimane (Habib Boufares). Das Leben ist hart, der Druck der Vorgesetzten nimmt zu, und ein bisschen ist Slimane mit seinen 60 Jahren selbst schon reif zum Verschrottetwerden.

Der Film stellt Slimane und seine Lebensverhältnisse vor: eine Großfamilie, deren Vater ihr aber nur noch halb angehört. Denn Slimane lebt getrennt mit neuer Frau und Stieftochter Rym. Sie bekämpft Slimanes Resignation, übernimmt Verantwortung, trifft Entscheidungen, steht für etwas ein - das wird bis zum Schluss des Films so bleiben. Als Slimane dann alles auf eine Karte setzt und plant, ein Restaurant zu eröffnen, müssen sich die sehr unterschiedlichen Teile der beiden Familien zusammenraufen. Aus im Prinzip banalen Ereignissen schlägt Kechiche Funken, und "Couscous mit Fisch" entwickelt nervenzerreißende Dramatik: Am Ende ist die Geschichte von Rym und Slimane erkennbar als Drama des Verhältnisses von Jugend und Alter, als große Liebesgeschichte anderer Art.

Es ist ein hervorragender, nahezu perfekter Film, voller Herz, sehr politisch, sehr menschlich. Er zeigt die schwierige Herstellung von Gemeinsamkeit und den Triumph der Improvisation. Aber die Hauptsache sind Haltung und Stil der Regie. Exzellent und innovativ, voller Zuneigung und Lebenslust ist Kechiches Blick: genau, realistisch, klar, klug - eben französisch. Dabei ist der Film so schön und sinnlich, dass man nicht mehr wegschauen möchte. Kechiche entwickelt seine Geschichte aus relativ wenigen, dafür eindrucksvollen Szenen, einem Streit, einem Bauchtanz, man lauscht Frauengesprächen, dringt in die Intimität der Familie ein.

Dieses unterhaltsame Kino ist anspruchsvoll, weil ein Beziehungsnetz erzählt wird. Ein genau beobachteter subjektiver Realismus, zugleich Komödie wie Melodram, offen zur Tragödie hin. Ein herrlicher Film - im noch so Kleinen ist hier das ganz Große enthalten. (In München: City, Monopol Kinos, Theatiner OV.)

"Couscous mit Fisch"

mit Habib Boufares, Hafsia Herzi

Regie: Abdellatif Kechiche

Hervorragend *****

Fünf Kino-Musketiere

Die Nouvelle Vague war gestern, längst kommen aus Frankreich neue Kinowellen. Das Kino unseres Nachbarn ist das lebendigste Europas: ein Jungbrunnen, so künstlerisch anspruchsvoll wie unterhaltend. Die Altmeister Godard, Chabrol, Rohmer, Resnais drehen weiter. Aber am interessantesten ist die Generation der 40- bis 50-Jährigen: Agnès Jaoui, Claire Denis, Franois Ozon, Arnaud Desplechin und Abdellatif Kechiche. Fünf Kino-Musketiere, die zweierlei vereint: ihr Mut zum Stilmix und ihre Liebe zum Ensemblekino à la Robert Altman. In ihren Filmen trifft man auf viele Hauptfiguren. Sie sind in permanenter Bewegung, ein ständiges "Sampeln", das bestimmte Figuren und Erzählstränge hervor- bzw. in den Hintergrund treten lässt. Durch Wechsel von Perspektive und Zentrum, Betrachter und Objekt des Films.

rsl

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