Filmfest München: Die Frauen als Retterinnen

München - Gefährliches Wagnis: Jo Baiers Doppelporträt "Liesl Karlstadt und Karl Valentin" hat heute Premiere.

Der 60. Todestag - 9. Februar 1948 - ist zwar schon vorbei und erst recht der 125. Geburtstag von Karl Valentin (4. Juni) im vergangenen Jahr, aber Jo Baier wagte sich dennoch daran, einen Fernsehfilm über das Extrem-Genie aus München zu drehen. Er wird heute beim Münchner Filmfest uraufgeführt. Das passt zu den verspäteten Valentin-Feiern der Stadt, die am 13. Juli mit Helga Pogatschars Chorkonzert "Valentin 1945 - Liebeserklärung an München" starten.

Baier und seine Drehbuchautorin Ruth Toma wollen mit "Liesl Karlstadt und Karl Valentin" nicht die Vita des philosophischen Clowns und Filmpioniers nachbuchstabieren. Sie versuchen jedoch, sich trotz einiger "Freiheiten" an die Fakten zu halten. Manche Dialoge sind getreue Valentin-Texte. Letztlich möchte das Filmteam unterhaltsam von einer komplizierten und sicher einmaligen Liebes- und Arbeitsbeziehung erzählen.

Deswegen setzt das Werk mit dem Jahr 1911 ein, als Liesl und Karl einander zum ersten Mal begegnen. Valentin ist ein erfolgreicher Brettlkünstler und hat seinen skurrilen Stil voll ausgeprägt. Die Soubrette Elisabeth Wellano ist nur eine Bühnen-Randerscheinung. Johannes Herrschmann zeigt Valentin als fast soignierten Herrn, der sich ein bissl arrogant ein junges Madl kascht. Sie gefällt ihm, und sie hat künstlerisches Potenzial.

Erstes Treffen im leeren Biergarten. Schön gefilmte, zart-erotische Tändelei; aber zu zeigen, wie die Ideenfindung beim Ratschn funktioniert, glückt nicht. Am Ende des Films wird es in einem leeren Biergarten wieder ein Treffen zwischen Liesl und Valentin geben - der Abschied kurz vor seinem Tod. Dazwischen liegen die Stationen 1922: Liesl als Partnerin, die alles organisiert. 1933: Der Abstieg und das Zermürbende der Beziehung quälen Liesl. Sie unternimmt einen Selbstmordversuch. 1943: Trennung des "Duos".

Herrschmann übertreibt nie, versucht erst gar nicht, die Groteskfigur Valentin zu imitieren. Der wird als normaler Bühnenkünstler, fremdgehender Ehemann und eifersüchtiger Liebhaber dargestellt. Das Geniale Valentins, das die Karlstadt weit mehr an ihn gebunden hat als ihre Liebe, können weder der Regisseur noch der Schauspieler auch nur andeutungsweise spürbar machen. Da muss man sich schon Valentins eigene Filme anschauen. Besonders schmerzlich ist dieses Manko, wenn in Baiers Film Werke wie "Orchesterprobe", "Bühnenscheinwerfer" oder "Der Firmling" nachgeahmt werden.

Was die Produktion rettet, sind nicht die opulente Ausstattung und die üppige Nebenrollen-Besetzung (von Axel Prahl bis Jürgen Tarrach), sondern die Frauen. Drei großartige Schauspielerinnen faszinieren: Hannah Herzsprung und Bettina Redlich als junge und etwas ältere Karlstadt sowie Gisela Schneeberger als Valentins Ehefrau Gisela.

Schneeberger gibt mit ihrer Figur die fein dosierte Studie einer warmherzigen, manchmal aufbegehrenden, pragmatischen Betrogenen ab. Herzsprung erspielt sich eine stille, überhaupt nicht gschnappige Elisabeth Wellano. Verschafft ihr mit einem Hauch Bockigkeit und Verschmitztheit im Gesicht die Basis zur Emanzipation. Ungeheuer zu beeindrucken vermag Redlich. Fast wortlos, aber mit tiefstem Ausdruck "erzählt" sie von den Depressionen der Karlstadt. Und verschafft ihr Weichheit und Grandezza, wenn sie später an ihrem Valentin Nachsicht übt.

Vorstellungen

heute (25.06.2008), 17 Uhr, und am 28.6., 15 Uhr, jeweils im Maxx.

Sendetermin: 10. Dezember, 20.15 Uhr, in der ARD.

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