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Ein Höhepunkt der deutschen Reihe beim Münchner Filmfest: In Christian Bachs „Hirngespinster“ spielt Tobias Moretti einen Patriarchen außer Kontrolle.

Zurück im Leben

München - Die deutsche Reihe beim Münchner Filmfest ist Seismograf der gesellschaftlichen Stimmungslage. Eine Vorschau:

Das Leben, das echte, unbarmherzige, lächerliche, tragische Dasein meldet sich im heimischen Kino zurück zum Dienst. Es gibt kaum einen zuverlässigeren Seismografen für die Stimmungslage einer Gesellschaft als der Film, und beim Blick auf die deutsche Reihe beim Filmfest München, das am Freitag startet, stellt man fest: Es geht wieder um Handfestes. Um Geld, das man nicht hat, zum Beispiel, oder um Träume, die nicht erfüllbar sind. Kurzum: Die Krise ist bei den Filmschaffenden angekommen, sie gießen Verunsicherung, Angst und Ratlosigkeit der Menschen im Jahr sieben der weltweiten Finanzkrise in Bilder und Geschichten. Mal mehr, mal weniger offensichtlich, aber immer beklemmend nah an den schwärenden Wunden der Existenz.

„Viele Filme blicken auf die Randbereiche, die Brachen des Landes“, fasst Christoph Gröner zusammen, der die Reihe kuratiert hat. Manchmal ist dieser Blick leichtfüßig, komisch und unwiderstehlich charmant wie in „Wir sind die Neuen“ von Ralf Westhoff, einem guten alten Bekannten des Filmfests. Der Partisan der deutschen Kinoszene erzählt von Rentnern, die im Alter eine Armuts-WG gründen müssen, weil die Pension nicht reicht. Bald müssen sie feststellen, dass es die Spießer, die sie in den Sechzigerjahren grauenhaft fanden, noch immer gibt – heute allerdings sind sie jung und smart. Westhoff inszenierte einen vergnüglichen Krieg der Lebensanschauungen, der gute Chancen auf den Publikumspreis beim Filmfest haben dürfte.

Ähnlich tragikomisch nähert sich Regisseur Oliver Haffner in „Ein Geschenk der Götter“ dem Thema Orientierungslosigkeit. Eine arbeitslose Schauspielerin soll als Arbeitsbeschaffungsmaßnahme einen Selbsthilfe-Workshop geben und studiert mit gestrandeten Existenzen „Antigone“ ein. Da geht es um grundsätzliche Entscheidungen, Haltung, die letzten Fragen des Lebens. Perfekte Voraussetzung für eine große Komödie.

Ernst, regelrecht zappenduster geht es in dem Korruptionsdrama „Wir waren Könige“ zu. Ein mitreißendes Ensemblestück über Loyalität und Verrat und – gemeinsam mit dem eindringlichen Psychodrama „Hirngespinster“ – einer der Höhepunkte des Festivals. In „Hirngespinster“ brilliert Tobias Moretti als Patriarch, der von einer Geisteskrankheit zerfressen wird und seine Familie in den Abgrund zu reißen droht. Ebenso düster ist „Das Zimmermädchen Lynn“, eine nüchterne Studie über eine junge Frau, die regelrecht zu verschwinden droht im zermürbenden Alltag. Schauspielerin Vicky Krieps trägt den Film mit einer erstaunlichen Leistung über gelegentliche Längen.

Ein intensives Kammerspiel um zwei Menschen, die Tabula rasa machen, legt Vanessa Jopp, ebenfalls eine alte Bekannte beim Filmfest, mit „Lügen“ vor. Und in „Schönefeld Boulevard“ zeigt Sylke Enders unbarmherzig das qualvolle Erwachsenwerden eines jungen Mädchens, das mitten im Nichts aufwächst, hier: neben der Flughafen-Dauerbaustelle BER. Gewissermaßen der ultimative Film über das Filmemachen in Zeiten schwindender Budgets ist „Worst Case Scenario“, in dem ein Regisseur ohne Geld seinen Traumfilm drehen will und dafür alles opfert.

Und zum Schluss noch ein Geheimtipp im Programm: „Dessau Dancers“ von Jan Martin Scharf, der völlig überdreht die Breakdance-Szene der DDR wiederaufleben lässt. Die total wahnsinnige Handlung beruht übrigens auf Tatsachen – so ist das mit dem richtigen Leben. Es ist in jeder Hinsicht unwahrscheinlich – und damit idealer Filmstoff.

Zoran Gojic

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