Filmfest: Üppiger Gemischtwarenladen

München - Deutschlands größtes Sommerfestival, das Münchner Filmfest, ist zu Ende gegangen. Die Fußball-Europameisterschaft verhinderte, dass der Rekord von 2007 mit 65 000 Besuchern erreicht werden konnte.

"Mechanical Love" heißt ein bizarr-traumwandlerischer Filmessay über jene Forscher, die an Robotern werkeln, die von wirklichen Menschen nicht mehr zu unterscheiden sind. Am letzten Filmfest-Tag bot diese Arbeit einen Blick in die Zukunft - und eine Ausnahme in einem Festival-Programm, das sich mehrheitlich ganz klar für die Gegenwart inklusive ihrer weniger schönen Seiten interessierte: Viele gute Werke gab es - wenn nicht, wäre das bei 237 Filmen freilich auch ein deprimierendes Ergebnis.

Neben den traditionell starken Franzosen, die heuer besonders bezauberten, beeindruckten die Filme der China-Reihe am meisten: harter Alltagsrealismus, der sehr ehrlich gesellschaftliche Probleme aufzeigt, an ihnen Kritik übt und damit Klischees von einer allmächtigen Zensur und künstlerischer Unfreiheit in China Lügen straft. Solche unbequemen Filme über die deutsche Wirklichkeit würde hierzulande jeder Redakteur des allmächtigen Fernsehens schon in der Entstehungsphase ersticken.

Daneben fiel die Renaissance des italienischen Kinos auf: Nach Jahren überflüssiger Werke tritt mit Paolo Sorrentino ("Il divo") und Matteo Garrone ("Gomorrah") eine neue interessante Regiegeneration ins Rampenlicht. Beide Filme liefen allerdings bereits in Cannes. Man kann sie also, wie so vieles, nicht als Filmfest-Entdeckung bezeichnen, eher funktioniert das Filmfest als wichtigstes deutsches Nachspielfestival, in dem das Publikum all das sehen kann, was es zuvor nur vom Hörensagen kannte und was in der gegenwärtigen deprimierenden Verleihsituation den Weg ins Kino kaum findet.

Die zweite inhaltliche Säule des Filmfestes sind die beiden deutschen Reihen (Kino und Fernsehen). Gut waren sie auch diesmal nicht voneinander zu unterscheiden, denn auch in der Kinoreihe mischt das Fernsehen kräftig mit, vor allem der Bayerische Rundfunk. Dagegen ist nichts zu sagen, man muss allerdings feststellen, dass kein anderes deutsches Festival so deutlich die Handschrift eines TV-Senders (der BR ist auch Mitgesellschafter) trägt. Daher wirkt das Filmfest auf nichtbayerische Gäste oft wie eine pure Selbstfeier. Da mit "Morscholz" nun bereits zum vierten Mal in Folge ein Film der Münchner Filmhochschule - sehr verdient! - den Förderpreis gewann, versteht man, dass im Hintergrund selbst manche Münchner von Spezlwirtschaft reden.

Die eigentlichen Probleme des Filmfestes, die auch im fünften Jahr unter Direktor Andreas Ströhl nicht behoben sind, liegen im strukturellen Bereich. Sie hatte Ströhl einst zum Start selbst benannt: zu viele Reihen, zu viele Filme, kein Zentrum. Für Letzteres kann Ströhl nichts. München als Mitveranstalter zwingt ihn in den Gasteig, in dem kein Glamour aufkommen kann. Allerdings ist Ströhl auch nicht der Kämpfertyp, der für sich und sein Team streitet, nicht zuletzt auch gegen die übermächtige kaufmännische Leitung, die mit 1,6 Millionen einen im Vergleich sehr hohen Etat verwaltet. So verlieren sich Gäste und Stimmung.

Das alles hat mit dem Hauptproblem zu tun, für das Ströhl sehr wohl etwas kann: 237 Filme machen aus dem Filmfest einen chaotischen Gemischtwarenladen. Es gibt eigentlich alles außer einer Afrikareihe. Mit 70 Filmen ist allein das internationale Programm größer als die kompletten Hofer Filmtage. Vor allem das normale Publikum leidet darunter, im Programmdschungel allein gelassen zu werden. Weil die Filme sich Zuschauer abjagen, ist die Auslastung weit schwächer als bei der Konkurrenz. Denn ein Festival muss heute vor allem selbstbewusst Schwerpunkte setzen, Inhalte und Ausgaben konzentrieren.

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