Filmfest-Gespräch mit Alexander Fehling: Leben im Schatten von Auschwitz

München - Zivildienst in Auschwitz: Das stand nicht auf der Wunschliste von Sven Lehnert. Nun aber ist er dort angekommen ­ und muss sehen, wie er mit Geschichte und Gegenwart des Ortes fertig wird. "Am Ende kommen Touristen" heißt der Film von Robert Thalheim. Jetzt hatte er Premiere auf dem Münchner Filmfest. In der Rolle des Jungen: Alexander Fehling.

"Je mehr man denkt, umso weniger muss man spielen." Das sagt Alexander Fehling, angesprochen auf die Unterschiede von Film und Bühne. Ein bemerkenswerter Satz des jungen Schauspielers, der doch noch gar nicht aus einem großen Erfahrungsschatz in seinem Beruf schöpfen kann. Eigentlich ist er ja doch ein blutiger Anfänger.

Für hiesiges Publikum ist Alexander Fehling ohnehin noch ein unbekanntes Gesicht. In seiner Heimatstadt Berlin aber ist der Absolvent der Ernst-Busch-Schauspielschule gegenwärtig sehr präsent. In Peter Steins Mammut-Inszenierung von Schillers "Wallenstein" spielt er den jugendlichen, idealistischen Helden Max Piccolomini. Zur Zeit allerdings auf Krücken. Bei einer der letzten Vorstellungen ­ jeden Samstag und Sonntag jeweils zehn Stunden ­ ist er hinter der Bühne ausgerutscht. Bänderrisse, Sprunggelenkbruch. Und noch fünf Stunden Spiel vor sich. Die schaffte er, aber am nächsten Tag ging nichts mehr. Mittlerweile führt er also auf Krücken seine Pappenheimer an? Und Fehling pariert: "Anführen im Geiste. Denn: Es ist der Geist, der sich den Köper baut."

Konträrer kann eine Arbeit nicht sein, als dieses Stück und dieser Film. Was brachte Alexander Fehling mit für die Arbeit mit Robert Thalheim? Kannte er Polen? War er vorher schon mal in Auschwitz? Hat er selbst Zivildienst geleistet?

Ja, Zivildienst habe er geleistet, in der geschlossenen Psychiatrie. "Also ist mir die Situation nicht ganz fremd gewesen; wenn ich dort auch Sachen erlebt habe, die äußerlich gesehen natürlich viel spektakulärer waren als die Situationen im Film." In Auschwitz war er zum ersten mal und überhaupt in Polen. "Insgesamt waren wir zwei Monate dort, sechs Wochen haben wir gedreht." Eine Zeit, die für den jungen Fehling nicht emotionsfrei war. "Was unsere Vorfahren dort angerichtet haben, das ist so omnipräsent, es verstellt einem fast schon den Blick, so deutlich steht alles vor einem." Und der junge Schauspieler erzählt die Geschichte vom Fußball-WM-Spiel Deutschland-Italien. Das Filmteam war bereits in Oswiecim, jener Stadt, zu der Auschwitz gehört. "Wir gingen abends in die Jugendbegegnungsstätte, da begann gerade im Fernsehen das Spiel. Der Saal war voll. Es waren auch einige Deutsche da. Und als die deutsche Hymne erklang, standen drei von ihnen auf. Wir aber mit unseren frischen Eindrücken vom Lager wussten nicht recht, wie wir uns verhalten sollten. Da trafen plötzlich zwei Dinge aufeinander, die gar nicht miteinander in Einklang zu bringen sind. Ein ganz komisches Gefühl."

Eigentlich auch ein Gefühl, mit dem die Filmfigur ebenfalls konfrontiert wird. Und wie der Zivildienstler Sven am Ende von seinen Erlebnissen profitieren wird fürs Leben, so zog auch Alexander Fehling Gewinn aus der Begegnung mit Auschwitz: "Es ist eine große Bereicherung, dass ich das alles sehen durfte, diese Stadt Oswiecim, die im Sommer etwas Mediterranes hat; diese schöne Landschaft, die Menschen, die im Schatten von Auschwitz ein ganz normales Leben führen." Und der berufliche Gewinn? Fehling: "Das kann ich jetzt noch gar nicht sagen. Aber: Der Sven ist ja vordergründig keine schauspielerisch spektakuläre Rolle. Das war vielleicht das Schwierige. Keine großen Gesten, keine Abgründe, keine Höhepunkte. Wichtig war nur, auf dieser schmalen Strecke den Facettenreichtum einer Figur zu erzählen."

Und das mit minimalen Mitteln. "Das Gesicht", sagt Alexander Fehling, "ist das Transportmittel von dem, worum es eigentlich geht: der Gedanke. Im Theater, bei den Klassikern, ist die Aufgabe, den Gedanken zu transportieren, viel, viel größer. Da muss man ihn in großen, unnaturalistischen Bögen denken. Wenn da beispielsweise das Wort Liebe fällt, ist immer gleich die Liebe an sich zu denken, also muss versucht werden, ihr entsprechenden Ausdruck zu geben. Und beim Film ist es letztlich auch nur das Denken, das eine Figur profiliert. Bloß dass hier die Gedanken kleiner sind, individueller, naturalistischer."

Ob er diesen Anspruch an die Schauspielerei und an sich selbst bei Peter Stein gelernt hat? "Nein, den hatte ich schon vorher. Es ist ja vielleicht kein Zufall, dass wir zusammengekommen sind." So trafen sich der Junge und der Alte wohl in der "Suche nach dem, was mehr ist, als der Schauspieler, mehr, als der Einzelne spielen kann. Danach suchte ich schon vor meiner Begegnung mit Stein, und danach suche ich immer noch." Fortsetzung möglich, wenn er im Spätsommer in der "Buddenbrooks"-Verfilmung von Heinrich Breloer den Morton spielt. "Die Rolle soll klein, aber schön sein, wurde mir versichert."

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