Filmfestspiele Venedig: Das Sterben des Skorpions

Venedig - Mit einer Reihe von hochkarätigen Filmen startete das Filmfestival Venedig. Einige Preisfavoriten sind schon dabei.

Ein Skorpion kämpft um sein Leben, erfolglos, denn die vielen kleinen Ameisen, die ihn attackieren, sind des Skorpions Tod, trotz seiner Größe, trotz seines Giftstachels, trotz seiner scheinbaren Überlegenheit. Dieses brutale, dabei überaus schöne Bild relativ zu Anfang von Brian DePalmas neuem Film "Redacted" ist klug gewählt: ein keineswegs zufälliges Zitat des Beginns von Sam Peckinpahs Spätwestern "The Wild Bunch", bei dem ein Haufen Bösewichte in Mexiko einfällt, und natürlich damit auch eine treffende Metapher für das, was derzeit im Irak geschieht. Der Irak-Krieg ist das Thema von "Redacted", und dies ist nicht der einzige US-Film, der ihn ins Zentrum stellt.

Bereits an diesem Samstag läuft bei den Filmfestspielen von Venedig, wo "Redacted" gerade Premiere hatte, mit "In the Valley of Elah" von Paul Haggis noch ein zweiter Film dazu; wie einst Vietnam kommt nun auch der Irak-Krieg über das Kino ins Herz Amerikas zurück. Und wie im Fall des Indochinafeldzugs legt auch diesmal Hollywood den Finger tief in die Wunde. Doch "Redacted" wäre kein Film von Brian DePalma, wenn er es sich einfach machte, wenn er auf billiges Thesenkino und moralische Stimmungsmache setzte. Stattdessen tut er etwas viel Wirkungsvolleres: Er zeigt einfach, was passiert - mit einer unglaublichen Ruhe, hinter der man die Empörung nur ahnen kann, hinter der aber auch ein verzweifelter Sarkasmus angesichts des Wahnwitzes der Wirklichkeit im Irak spürbar ist. Mitunter wirkt alles wie eine Dokumentation. Minutenlang sieht man den Ablauf einer Straßenkontrolle. Aber alles wurde mit Schauspielern in Jordanien inszeniert. DePalma, dessen ganzes Werk um die Frage kreist, was Sehen bedeutet, versucht, den Fallen zu entgehen, in die einer fast zwangsläufig gerät, wenn er den Krieg ins Kino bringt. Ein Tabu bricht er, indem er zeigt, wie US-Soldaten eine 15-Jährige vergewaltigen - ein beglaubigter Fall. "Redacted" ist überaus unangenehm, anstrengend, dabei packend.

Auch sonst begannen die Filmfestspiele auf hohem Niveau: Ein überraschendes Debüt bot der bereits 52-jährige US-Regisseur Tony Gilroy. "Michael Clayton" ist unter anderem eine Ein-Mann-Show von George Clooney, der den Film produziert hat und die Titelrolle spielt: den "Wundermann" einer New Yorker Top-Anwaltskanzlei. Nach längerer Zeit ist "Michael Clayton" wieder einmal ein spannender Wirtschaftsthriller. Auch stilistisch steht er zwischen "Wall Street und "Insider", und ist damit auch eine Komödie über die Realität des Kapitalismus. Neben Clooney glänzt Tilda Swinton als eine eiskalte Zwangsneurotikerin, die Karriere macht, weil sie im Wortsinne über Leichen geht.

Um Rituale anderer Art geht es in "Lust, Caution" von Ang Lee. Einmal mehr entfernt sich Lee darin sehr weit von seinem "Brokeback Mountain" und begibt sich, als wolle er alle Spuren verwischen, ins mondäne Shanghai der 40er-Jahre: Während China unter der Besatzung durchs faschistische Japan leidet, geht es den Chinesen, die kollaborieren, umso besser. Eine Gruppe von Widerständlern plant ein Attentat auf den Geheimdienstchef, doch das als Lockvogel eingesetzte Mädchen verliebt sich in ihn. "Lust, Caution" glänzt auch durch prächtige Ausstattung. All diese Filme dürfen sich am Ende Preishoffnungen machen, enttäuscht hat nur Kenneth Brannaghs hölzern inszeniertes Liebesdrama "Sleuth".

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