Filmfestspiele Venedig: Ein Stück Gegenwart

- Manchmal sind Jurys klüger, als man zu hoffen wagt: Catherine Deneuve und die von ihr geleitete Jury retteten jedenfalls am Samstag ein durchschnittliches Jahr bei den Filmfestspielen von Venedig. Mit überraschenden Preisentscheidungen gaben sie einem Wettbewerb spätes Gewicht, der zwar viele achtbare Filme zeigte, doch kaum Herausragendes oder filmkünstlerisches Neuland.

Einer der ganz wenigen echten Höhepunkte war allerdings der Film "Sanxia Haoren" ("Still Life") des erst 36-jährigen Chinesen Jia Zhang-Ke, der sich am Ende verdient über den Goldenen Löwen freuen konnte. Als "Überraschungsfilm" lief er im Wettbewerb, den Titel hatte man erst am Tag der Filmvorführung bekannt gegeben, weil das Regime in Peking sonst gegen den Film interveniert hätte. Denn "Still Life" erzählt vom Leben um den Bau des megalomanen "Drei-Schluchten- Staudamms". Ohne platte Parteinahme, ohne bitteren Sozialrealismus zeigt Jia ein Stück Gegenwart seiner Heimat, das in dieser Form Peking nicht gefallen kann.

Zugleich entwickelt er eine originelle Form, um fast dokumentarische Darstellung und Erzählung poetisch zu verbinden. Auch sonst verstand "Mademoiselle Deneuve" -auf dieser Anrede besteht die 62-Jährige, die auch mit Roger Vadim und Marcello Mastroianni, den Vätern ihrer beiden Kinder, nie verheiratet war - zu überraschen: Sie begann die Preisverleihung mit einem Lob von David Lynchs "Inland Empire", der gar nicht im Wettbewerb lief, von manchen Beobachtern aber mit Unkenntnis und Verständnislosigkeit aufgenommen wurde. Schon das ein Signal gegen die Biedermänner. Konsequent gab es dann Preise für sperriges, nicht in jedem Fall gefälliges Autorenkino, das mutig und experimentell ist.

Dem entsprachen auch die Entscheidungen der vom Deutschen Philip Gröning geleiteten "Horizonte"-Jury: Den Dokumentarpreis bekam der Amerikaner Spike Lee für den vierstündigen "When the Levees Broke" über die Auswirkungen des Hurrikans "Katrina". Und mit dem Spielfilmpreis für Liu Jie war der chinesische Doppeltriumph perfekt: "Gerichtshof auf dem Pferderücken" dreht sich rund um ein mobiles Gericht in einer einsamen Bergregion, wo es mit der Not der Bauern, mit Naturglauben und Familienfehden konfrontiert wird. Ein glänzend fotografiertes Lehrstück über die Natur der Gerechtigkeit. Schon wahr: Einige künstlerisch radikale Filme jüngerer Regisseure, wie der thailändische "Syndromes and a Century" und der österreichische "Fallen", denen man Preise gegönnt hätte, gingen im Wettbewerb leer aus.

Mit Resnais und Straub ehrte die Jury zwei Altmeister, die ihre künstlerische Glanzzeit lange hinter sich haben. Aber indem Favoriten wie Alfonso Cuarons "Children of Men" und vor allem Stephen Frears gefälligem Königsdrama "The Queen" nur - berechtigte - Trostpreise blieben, gab die Jury insgesamt ein eindeutiges Signal: Aufgabe eines Festivals ist es, den Blick vom Markt abzulenken, Filmen, Haltungen und Themen ein Forum zu bieten, die anderenorts untergingen. Weil das zu oft vergessen wird, kann man mit Venedig 2006 doch noch zufrieden sein.

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