Filmförderung ohne Lederhosen

- "Hinterm Horizont geht's weiter", sang einst Udo Lindenberg; eine frohe Botschaft auch für heimische Filmemacher. Denn am Horizont des deutschen Films standen zuletzt fast nur noch dunkle Wolken. Was vor einem Jahr zu ahnen war, wurde 2005 Wirklichkeit: Bis zu 20 Prozent weniger Zuschauer gingen ins Kino - trotz einzelner Kassenerfolge wie "Alles auf Zucker" -, und nach den fetten Jahren mit "Good Bye Lenin" und "Gegen die Wand" und der kurzen, heftigen Nazi-Welle um "Der Untergang" und "Napola" war auch international mit dem deutschen Film nicht mehr viel los.

"Sophie Scholl - die letzten Tage", der am Freitag bei der Verleihung des Bayerischen Filmpreises mit dem Produzentenpreis die wichtigste Auszeichnung erhielt, ist ein kluges Gegenstück zu dieser Welle von NS-Täterfilmen und profitiert doch stark von ihr. Auch hier werden "große Einzelne", Ausnahmemenschen gezeigt; es dominiert wie im "Untergang" eine "Perspektive von oben", die den kleinen schmutzigen Alltag aus Mangel, Krieg und Völkermord ausblendet. Doch trotz vereinzelter Kritik an dem ebenso kühlen wie versteckt pathetischen Kammerspiel - die Leistung der Produzenten Sven Burgemeister und Christoph Müller steht außer Frage.

Versteckte Standortförderung

"Sophie Scholl" war, wie fast alle der vergebenen Auszeichnungen, eine sichere Wahl, die kaum Anstoß erregt, aber auch von fehlender Risikobereitschaft der Preisstifter in der Staatskanzlei zeugt. In jedem Jahr dient der hoch dotierte, aber in der Branche nicht über Gebühr ernst genommene Preis vor allem als Bonusscheck für Markterfolge und als versteckte Zusatz-Förderung für Filme, die bereits mit überwiegend bayerischen Geldern finanziert wurden - allen Beteuerungen zum Trotz ein reiner Wirtschaftspreis, Standort-, nicht Kulturförderung.

Freistaat 2006: zu saturiert, zu teuer

Zudem ist diese erste Auszeichnung des Filmjahres immer ein recht gutes Barometer fürs kommende Kinojahr. Die vielleicht wichtigste Lehre, die sich schon in den letzten Jahren abzeichnete: Die bayerische Filmförderung hat endgültig die Lederhosen ausgezogen. Kein Helmut Dietl, keine Doris Dörrie, schon gar kein Sepp Vilsmaier und ausnahmsweise auch nicht Bernd Eichinger sind unter den diesjährigen Preisträgern, sondern so bayerisches Urgestein wie die Ossis Andreas Dresen, Ulrich Mühe und Max Riemelt, wie der Düsseldorfer Philip Gröning, die Stuttgarterin Nina Hoss und der Kölner Florian Henckel von Donnersmarck.

Immerhin sind die meisten prämierten Filme prächtig im für die Öffentlichkeit weitgehend verborgenen Freunderl-Finanzierungs-Netzwerk aus Filmförderung, BR, und Münchner Weltvertrieben verankert. Man könnte nun sagen, das  beweise  nur  die Großzügigkeit der bayerischen Seele. Doch es fällt auf, dass Bayern als Schauplatz für Geschichten gerade für jüngere Filmemacher zunehmend uninteressant wird. Für das neue Berliner "Hartz IV-Kino" ist der Freistaat zu reich und viel zu saturiert, für Dramen zu langweilig und als Produktionsort zu teuer. Nur auf das Geld der reichen Sender und Förderer kann man kaum verzichten.

Fast alle der Preisträger leben heute in Berlin. Und die gestrigen Preise sind nur ein weiteres, überdeutliches Indiz dafür, wie sehr Berlin inzwischen München den Rang abgelaufen hat - auch in punkto Glamour: Allein fünf der acht Preis-Filme stammen vom Berliner X-Verleih, der einst von Tom Tykwer und Wolfgang Becker als Forum für unabhängiges Filmemachen gegründet wurde und heute längst zu den Größten in Deutschland gehört.

Bemerkenswert sind schließlich auch vier Preise für "Das Leben der Anderen" - ungewöhnliche Vorschusslorbeeren für ein Debüt, das noch keiner gesehen hat, das allerdings für den Berlinale-Wettbewerb überaus hoch gehandelt wird. Ebenfalls von der DDR, aber ganz anders, erzählt "Der rote Kakadu", Dominik Grafs erster Kostümfilm - eine atmosphärisch dichte Sommertraumgeschichte über einen Augenblick voller Hoffnung, für die Max Riemelt den Nachwuchspreis erhielt.

Hört man sich unter den Filmschaffenden um, ist erkennbar: So wie die Republik, eben noch ein einziges Krisen-Jammertal, wieder Optimismus trägt, setzt auch das Kino aufs Prinzip Hoffnung. Sehr viele neue deutsche Filme werden in den nächsten Wochen ins Kino kommen, oft von bekannten Namen inszeniert. Neben Mainstream und feigem Kommerz wird man dann auch einige Kunst sehen, Filme, die in herausforderndem Stil etwas Aussagekräftiges, womöglich Unbequemes über die Gegenwart erzählen. Das Wellental ist vorerst durchschritten, und bis zur nächsten deutschen Kinokrise gilt: Die Hoffnung stirbt zuletzt.

Fernsehausstrahlung: Kabel 1, Sonntag, 20.15 Uhr.

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