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Eher grotesk als furchteinflößend: Bill Skarsgård als hasenzähniger Clown Pennywise.

Filmkritik

„Es“: Nur ein fransiger Flickerlteppich

Andy Muschietti streicht bei seiner Adaption von Stephen Kings „Es“ Essenzielles – ohne Eigenes dagegenzusetzen.

Dieser Roman ist ein wunderbares Monster. Ach, was heißt Roman? „Es“ ist ein wahres Kompendium von Stephen Kings Obsessionen, Themen, Techniken. Die Geschichte von sieben Kindern, die ihre Heimatstadt Derry von einem Bösen befreien, nur um als Erwachsene zum erneuten Kampf zurückgerufen zu werden – sie hat alles, was ihn umtreibt: Das Kleinstadtleben Neuenglands; die Magie der Kindheit in den Fünfzigerjahren; die machtvolle Unruhe der Vergangenheit; der letzte Sommer der Unschuld; eine Kosmologie des Bösen; das Klischee-Reservoir von Horror-B-Pictures... Und vor allem eine geradezu überbordende, gierige Lust am Erzählen als rettende Hoffnung, wo jede Geschichte noch und noch eine Nebengeschichte kennt.

Keine Adaption könnte dieses Riesengewebe je in Gänze erfassen. Und es ist nicht nur Recht, sondern Pflicht jeder Verfilmung, sich einzelne Fäden herauszupicken und etwas Eigenes, Dichtes daraus zu flechten.

Seit 2009 ist die erste Kinoversion von „Es“ in Arbeit. Cary Fukunaga, ein hochklassiger Regisseur („Sin nombre“, „True Detective“), war seit 2012 damit beschäftigt. Er wollte sich auf eine Interpretation fokussieren, die im Roman ausdrücklich angesprochen wird: „Es“ ist Sex; das Ganze ein Angsttraum vom Erwachen der Sexualität. Fukunaga trieb das aber so weit und derart explizit, dass es dem Studio zuviel wurde und 2015 Andy Muschietti das Ruder übernahm. Dessen maues Debüt „Mama“ täuschte psychologischen Grusel an, um in am Computer animiertem Firlefanz zu enden. Sein Co-Autor Gary Dauberman machte „Annabelle 2“ zur inkohärenten Nummernrevue.

Gegenüber der Fernsehverfilmung von 1990 hat Muschiettis „Es“ immerhin die adäquaten technischen und finanziellen Mittel, eine wertige Optik. Er hat eine richtig gute junge Besetzung – jede Wette, dass man vor allem von Sophia Lillis (Beverly) die nächsten Jahre noch hören wird. Kings B-Picture-Monster ersetzt er zudem weise durch eigene Schreckensbilder. Die freilich eher grotesk und surreal wirken als furchteinflößend – inklusive Bill Skarsgårds hasenzähnigem Clown Pennywise.

Auf dem Gerüst von Fukunagas Entwurf, aber ohne dessen thematisches Fundament bastelt Muschietti jedoch etwas, das sowohl zu viele Details unverbunden zitiert als auch zu viel Essenzielles streicht, ohne Eigenes dagegenzusetzen: Eine akzeptable, gewöhnliche Spukshow mit etwas Coming-of-Age- und „Gemeinsam sind wir stark!“-Anstrich. Der Film beschränkt sich auf die Geschichte des jungen „Loser’s Club“, versetzt diese von 1958 in die Achtzigerjahre – amputiert mit der Zeitebene der Erwachsenen zugleich ein Hauptthema. Und lässt die Charakteristika (Richies Stimmimitationen, Bens Baukünste...) sowie die Persönlichkeiten der Kinder dennoch erstaunlich vage.

Der Erzählfluss holpert gewaltig. Der Film ist voller seltsamer Gewichtungen – warum etwa widmet er Stans Jüdischsein so viel Raum, warum nimmt er Mike fast seine komplette Rolle? „Es“ ist voller narrativer Blinddärme: Wer den Roman nicht kennt, wird nichts anfangen können mit Schildkröten, Wasserturm und so weiter. Aus dem wahren Bösewicht – der Stadt Derry – macht Muschietti eine skizzenhafte Kulisse. Mag sein, dass die nach dem Kassenerfolg in den USA nun für 2019 angekündigte Fortsetzung das alles noch sinnvoll verknotet. Für sich genommen bleibt „Es – Kapitel 1“ aber ein fransiger Flickerlteppich.

„Es“ mit Jaeden Lieberher, Jeremy Ray Taylor, Sophia Lillis, Finn Wolfhard. Regie: Andy Muschietti; Laufzeit: 135 Minuten

Thomas Willmann

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