Das Findelkind des Richters

- Der Spielfilm der türkischen Regisseurin Handan Ipekci war im vergangenen Jahr in der Kategorie "bester ausländischer Film" für den Oscar nominiert. Direkt nach der Preisverleihung - den Auslands-Oscar bekam Danis Tanovic für die Kriegssatire "No Man's Land" - wurde "Hejar" vom türkischen Kulturministerium auf den Index gesetzt. Zu kritisch erschien der Regierung die ungeschminkte Darstellung des im eigenen Land immer noch schwelenden Konflikts zwischen Kurden und Türken.

Der bislang mit 13 Auszeichnungen prämierte Spielfilm zeigt die gesamte Bandbreite der kurdisch-türkischen Beziehungen an einem unspektakulären Beispiel: Im Kampf der kurdischen Arbeiterpartei PKK kommen die Eltern der kleinen Hejar (Dilan Ercetin) ums Leben. Das fünfjährige Mädchen wird zu Verwandten nach Istanbul geschickt. Als auch bei denen die Miliz einfällt und alle tötet, überlebt Hejar wie durch ein Wunder, versteckt in einem Schrank.

Der auf demselben Stockwerk lebende pensionierte Richter Rifat Bey (Sükran Güngor) findet die Kleine und nimmt das verstörte Kind, ohne lange darüber nachzudenken, zu sich in seine Wohnung. Mit großem Erstaunen bemerkt er bald, dass Hejar kein Türkisch versteht und in einer ihm fremden Sprache spricht. Erst seine Haushälterin Sakine (Füsun Demirel) kann übersetzen - wie sie selbst ist auch das Mädchen Kurdin. Der alte Richter ist erschüttert und will Hejar zur Polizei schaffen. Auf dem Weg dorthin bringt die niedliche Hejar das Herz des Richters zum Schmelzen, er entschließt sich, das Kind weiterhin bei sich zu behalten.

Handan Ipekci hat die langsame und zögerliche Annäherung des strengen Richters, der hier die türkische Staatsmacht repräsentiert, an das ihm fremde kurdische Volk dargestellt. Mit konventionellen Mitteln, aber großem Einfühlungsvermögen in die jeweiligen Bräuche und Unterschiede der beiden Völker verpackt sie die "kurdische Frage" in einen herzerwärmenden, feinfühlig inszenierten Spielfilm. Trotz der drastischen Anfangsszenen überwiegen bei Ipekci die poetischen Momente und die kleinen Gesten, aus denen schließlich große Gefühle werden. (In München: Atlantis i.O., Theatiner i.O.)

"Hejar - großer Mann, kleine Liebe"

mit Dilan Ercetin, Sükran Güngor

Regie: Handan Ipekci

Sehenswert

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