Thomas Willmann, Mitarbeiter unserer Zeitung und Buchautor, zwischen zwei Schauspielern am Set

Verfilmung "Das finstere Tal"

Wenn aus Kopfbildern Kinobilder werden

Kurzras - Thomas Willmann, Mitarbeiter unserer Zeitung, hatte mit seinem Roman-Erstling „Das finstere Tal“ einen Riesenerfolg. Jetzt wird der Thriller im Südtiroler Kurzras verilmt. Der Autor hat sich am Set umgesehen und erzählt von seinen Eindrücken.

Und dann, nach all den Jahren, steht er plötzlich vor mir: Greider. Der dunkle Rächer aus dem „Finsteren Tal“ hatte beim Schreiben für mich nie ein ganz konkretes Gesicht, auch da hatte er den Schatten des Geheimnisses mitgebracht, war ein Fremder geblieben. Selbst als ich bei meinem Besuch am Drehort in Südtirol im Hotel beim Frühstück zufällig Sam Riley kennenlerne, ist da nur das starke Gefühl: Ja, das passt! Aber da sehe ich Riley, den Schauspieler – und einen netten, allürenfreien Menschen. Seinen Eltern hat er geschrieben, erzählt er: „Seht Ihr, wenn ich als Kind beim Cowboyspielen immer meine Brüder erschossen habe, war das Berufsvorbereitung!“ Doch erst nachts am Set kommt dann der Moment: Es herrscht das übliche Gewusel um den Schauplatz der nächsten Einstellung. Es tut sich gerade eine Lücke auf zwischen den Leuten, und da steht, im Halbdunkel, eine Gestalt in Stiefeln, Mantel, Hut, die Winchester in der Hand. Und dreht sich um. Und es ist: nicht mehr Riley. Es ist Greider.

Wenn sich für ein paar Sekunden die Welt des „Finsteren Tals“ auftut

Schreiben ist eine Kunst des geschickt gesetzten Details – beim Lesen zu ergänzen durch die Vorstellungskraft. Im Filmbild dagegen gibt es keine Leerstellen. Aber Filmemachen ist auch die Kunst, einen Ausschnitt der wirklichen Welt für ein paar Momente in ein Puzzleteilchen der Fiktion zu verwandeln. Neben dem Rahmen der Kameralinse, hinter ihr erstreckt sich der Alltag (Stromleitungen, Autoverkehr), drängelt sich stets der ganze Apparat der Produktion mit seinen Tonnen Technik und Massen Menschen. Hinter den Fenstern eines uralten Stadls in Kurzras steckt da in Wahrheit die Technik-Werkstatt; von der einen Seite gefilmt gibt das den dunklen Brenner-Hof, von der anderen das finstere Dorf. Um so mehr Gänsehaut machen dann diese Momente, in denen plötzlich das Drumherum unwirklich wird, in denen sich für ein paar Sekunden die Welt des „Finsteren Tals“ auftut. Und davon erlebe ich einige.

Schauspieler ohne Maske: Es ist jedes Mal ein kleiner Schock

Jene Magie, die beim Film oft erst die Kamera hinzuzaubert, ist hier schon am Ort zu spüren: Das Szenenbild von Claus Rudolf Amler wirkt so erdig und echt, dass schon Leute aus dem Schnalstal selbst sich wunderten, dass sie diesen kleinen, „historischen“ Friedhof am Hang noch nie bemerkt haben. Die Kostüme von Natascha Curtius-Noss sind bis in jedes Detail lebendige, glaubhaft überhöhte Realität. Die Besetzung finde ich sensationell: Jeder der bösen Brenner-Brüder, angeführt von Tobias Moretti, ein echter Charakterkopf. Selbst die, die ich nur als grausig zugerichtete Latex-Leichname erlebe. Paula Beer bringt als Luzi eine Ausdrucksstärke, die weit über die Erfahrung ihrer 17 Jahre hinauszugehen scheint. Ihre Mutter, die „Gaderin“ (Carmen Gratl), der liebe Lukas (Thomas Schubert), seine Film-Eltern (Gerhard Liebmann, Beatrix Brunschko), Pfarrer (Erwin Steinhauer) und Schmied (Heinz Ollesch): Allesamt realistische Gestalten, von der Maske so überzeugend verwandelt, dass es jedes Mal ein kleiner Schock ist, sie privat, ohne künstlich wettergegerbte Haut zu erleben. Und dann erst der Brenner-Bauer! Sobald Hans-Michael Rehberg die schütteren, langen Haare, den Buffalo-Bill-Bart, den imposanten Mantel angelegt hat, wagt man kaum noch, sich ihm zu nähern: wahrhaft ein so gnadenloser wie hinfälliger Herrscher über ein fauliges Reich.

Es trifft geradezu beängstigend gut den Geist, den inneren Kitzel

Sieht das alles exakt so aus, wie ich es mir beim Schreiben vorgestellt habe, wie ich es selbst gemalt hätte? Nein, gar nicht. Aber: Es fühlt sich genauso an. Es trifft geradezu beängstigend gut den Geist, den inneren Kitzel. Man denkt freilich beim Schreiben zu wenig an Füße. So eine eisige Winterwelt ist mit Worten leicht gemalt, Stunden, Tage, Wochen darin rumzustehen ist etwas anderes. Methoden, am Set die Füße warm zu halten, gibt es viele: Socken-Plastiksackerl-Socken-Schichtungen, Wärmepads, heizbare Sohlen. Und wenn die Nacht sehr fortgeschritten ist, kreist auch mal die Schnapsflasche – mitunter mit dem exzellenten Selbstgebrannten von Tobias Morettis eigenem Hof. Wirklich helfen tut auf Dauer nichts, wenn man sich zu wenig bewegt. Und Filmdreh besteht zu 90 Prozent aus Warten. Beim Schreiben ist es nicht allzu schlimm, wenn einem die Gäule durchgehen. Film ist da anders. Die wahren Diven am Set heißen Fantastico, Lord, Bolero, Jonny Walker oder Bubi. Mit ein paar hundert Kilo Hengst ist nicht zu spaßen. Auf die Launen der Filmpferde achtet man mit einem Heidenrespekt.

Eine Truppe, die einem den Glauben an das Gute zurückgeben kann

Ich ertappe mich da schon öfters bei dem Gedanken: Was hab ich da nur angerichtet?! Wie kann ich mit anschauen, dass da gut über 100 Leute monatelang frieren und schuften, weil ich diese komische Fantasie hatte? Nächstes Buch: Karibik, Traumstrand, meilenweit kein schwieriges Tier! Aber trotz der Widrigkeiten – es geht bei eisigen, windigen Minusgraden und dennoch nur knapp ausreichendem Schnee oft bis nach Mitternacht – begegne ich einer guten Stimmung im Team. Regisseur Andreas Prochaska gibt mit äußerer Gelassenheit allen das Gefühl einer Vision, für die sich zu arbeiten lohnt. Am Tag vor meiner Ankunft hat er dem gesamten Team einen sechsminütigen Trailer aus dem Material der ersten zweieinhalb Drehwochen gezeigt. Und alle schwärmen.

Abgesehen von dem ungebrochen starken Gefühl, mein literarisches Erstgeborenes in gute Hände gegeben zu haben, ist dies das eigentlich Schönste am Besuch jenes Orts, wo aus den Kopfbildern Kinobilder werden: all die großartigen Menschen, die ich in zweieinhalb Tagen kennenlernen durfte. Zu erleben, wie viel Kreativität, Gemeinschaftsgeist, Persönlichkeit herrschen. Zu erfahren, dass hinter der historischen Fassade des bösen Film-„Brenner-Hofs“ in Wahrheit eine unglaublich herzliche Familie lebt, die die Hundertschaft der Filmleute mit großer Gastfreundschaft auf ihrem Grund aufgenommen hat. Und dass also diese finstere Geschichte von den übelsten Ausprägungen menschlicher Gesellschaften in Leinwand-Wirklichkeit verwandelt wird auf eine Weise, von einer Truppe, die einem den Glauben an das Gute zurückgeben kann.

Von Thomas Willmann

Auch interessant

Meistgelesene Artikel

Star Wars 8 „Die letzten Jedi“: Die letzten Tickets zur Vorpremiere
Star Wars 8 startet heute Nacht um 23:59 Uhr in den Kinos. Hier erfahren Sie, wo sie die letzten Tickets zur Vorpremiere kaufen können. Zudem klären wir offene Fragen …
Star Wars 8 „Die letzten Jedi“: Die letzten Tickets zur Vorpremiere
Mark Hamill über Carrie Fisher: „Als sie starb, war ich sauer!“
„Star Wars - Die letzten Jedi“ läuft ab Donnerstag in den Kinos. Die tz hat mit Luke-Skywalker-Darsteller Mark Hamill über seinen Ruhm, über Actionfiguren und seine …
Mark Hamill über Carrie Fisher: „Als sie starb, war ich sauer!“

Kommentare