Gier nach Gerechtigkeit

"Das finstere Tal": Erbarmungsloser Alpenwestern

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München - Der Wiener Regisseur Andreas Prochaska inszenierte „Das finstere Tal“ als erbarmungslosen Alpenwestern. Hier gibt es den Kinotrailer und unsere Filmkritik:

Was macht den Menschen aus? Wie sehr ist er geprägt von seiner Herkunft? Greider, dieser wortkarge Held in Andreas Prochaskas packendem Alpenwestern „Das finstere Tal“, wird erst zur Ruhe kommen, wenn er das himmelschreiende Unrecht ausgelöscht hat, dem er vielleicht die eigene Existenz verdankt.

Unbedingte Gier nach Gerechtigkeit führt diesen Mann im ausgehenden 19. Jahrhundert aus den Vereinigten Staaten zurück an seinen Ursprung, in ein fast vergessenes Dorf, das sich hoch droben unter einen Alpengipfel duckt. Hier wird Greider mit der unbestechlichen, unaufhaltsamen Präzision des Metronoms, ohne dessen Klacken er keinen Schlaf findet, seinen Feldzug führen: bis er alle Bewohner des Dorfes befreit hat – ob diese nun wollen oder nicht. Bis die Waage der Gerechtigkeit endlich wieder im Lot ist.

Andreas Prochaskas Film ist die Leinwandadaption des gleichnamigen Romans von Thomas Willmann, den Leser unserer Zeitung als Musik- und Kinokritiker kennen. Der Wiener Regisseur hat zusammen mit seinem Co-Autor Martin Ambrosch das 2010 erschienene Buch klug verknappt. Kameramann Thomas Kiennast entwickelte eine unaufdringliche, doch aussagekräftige Bildsprache: Immer wieder wird der Weitwinkelblick begrenzt – durch Vegetation, Gebäude, Landschaft. So vermittelt sich dem Zuschauer, wie unfrei die Menschen in jenem Dorf leben – obwohl es nichts zwischen ihnen und dem Himmel zu geben scheint.

Doch da ist der Brenner-Bauer, der zwar längst im Bett dahinvegetiert, der aber in seinen sechs Söhnen brutale Vollstrecker des väterlichen Willens herangezogen hat. Sie achten darauf, dass das System, mit dem der Alte das Dorf unterjocht, nicht aus den Fugen gerät – bis hin zu jenem brutalen Brauch, der alle Verlobten des Dorfes den Tag ihrer Vermählung fürchten lässt.

In diesen durch Erpressung und Gewalt über die Jahre austarierten Alltag kommt Greider. Natürlich ahnen wir rasch, dass dieser schweigsame Mann nicht mühevoll in das Hochtal aufgestiegen ist, um, wie er vorgibt, mittels der gerade erfundenen Daguerreotypie Fotos von Leuten und Land zu machen. Doch gelingt es Prochaska eindrucksvoll, den Rachefeldzug des Fremden so zu inszenieren, dass er bis zum Finale einen spannenden Sog entwickelt. Darüber vergisst der Filmemacher nicht, für die Westernfans im Publikum Einstellungen aus Klassikern des Genres zu zitieren.

Trotz der zeitweiligen Brutalität der Geschichte besticht vor allem die Behutsamkeit und Genauigkeit, mit der Regie und die stimmig besetzten Schauspieler das Drama erzählen: Tobias Moretti etwa, der den Anführer der Brenner-Buben mit lodernder Brutalität und machtvoller Präsenz ausstattet. Dazu reduziert der Schauspieler des Münchner Residenztheaters seine Figur auf wenige, aussagestarke Gesten. Sein Hans Brenner fasst Frauen beispielsweise stets mit der Hand im Nacken an. Kaum böse wirkt das – bis klar wird, woher man den Griff kennt: vom Ertränken junger Katzen.

Detailliebe bestimmt auch die Tonspur des Films. Wenn wir in einer Rückschau längst vergangene Hammerschläge erleben, die noch heute ungeheuer schmerzen, tönen diese im selben Takt wie das Metronom, das Greider den Schlaf bringt. Über diese bewusst gestalteten Kleinigkeiten vergisst Prochaska jedoch nie, am großen Bogen seiner Geschichte zu arbeiten.

Dabei kann er sich auf seine Schauspieler verlassen. Neben Moretti besticht vor allem die junge Paula Beer, die ihrer Luzi Funken des Aufbegehrens, der Emanzipation einpflanzt. Und mit Sam Riley wurde die Idealbesetzung für Greider gefunden. Der in Berlin lebende Brite, der seine wenigen deutschen Sätze selbst spricht, erzählt vor allem mit seinen Augen, die dunkel unter der Hutkrempe glühen, von Leid, Wut und Hass seiner Figur.

Am Ende, wenn Greider dem alten Brenner gegenübersteht, wird dieser abscheuliche Gott des Dorfes, den zurückgekehrten Rächer mit liebvoller Handbewegung zu sich aufs Bett bitten. Ein Blick in Rileys Gesicht verrät, wie heftig da die Gefühle in Greider wüten. Und dennoch wird er keine Antwort auf die Frage finden, was den Menschen ausmacht.

von Michael Schleicher

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