Flache Ikone ohne Kontur

Cannes - Sean Penn, der Präsident der Wettbewerbsjury beim 61. Filmfestival in Cannes, dürfte keinen leichten Job haben. Bis zur Endphase der Konkurrenz um die Goldene Palme hat sich kein klarer Favorit gezeigt.

Viele Filme gaben sich sperrig und spröde, nur wenige Werke konnten eine starke Geschichte mit Gefühl und Kunst auf hohem Niveau verbinden. Gemessen an den täglichen Kritikerumfragen in Cannes könnte Superstar Clint Eastwood ebenso auf einen Preis hoffen wie der Türke Nuri Bilge Ceylan oder erneut die zurückhaltenden Brüder Dardenne aus Belgien. Ob der deutsche Regisseur Wim Wenders am Sonntagabend zu den Glücklichen zählt, muss sich noch zeigen. Sein Film steht als letzter auf dem Programm.

Zu den spektakulärsten Flops zählt "Che" von Steven Soderbergh. Der nimmt sich viereinhalb Stunden Zeit, um den kubanischen Revolutionsführer und Kommunisten Ernesto Che Guevara (1928-1967) zu porträtieren. Trotz der großartigen Darstellung von Benicio Del Toro bleibt Guevara eine flache Ikone ohne Schatten und Kontur. Denn für die Brüche in seinem Charakter, die Grausamkeit des bewaffneten Kämpfers oder mögliche Selbstzweifel angesichts des fatalen Scheiterns seiner letzten Mission in Bolivien ist in den satten zwei Spielfilmlängen kein Raum. "Che" begnügt sich damit, der Kultfigur ein weiteres Denkmal zu setzen. Schade auch für die deutsche Schauspielerin Franka Potente, die in einer blassen Nebenrolle keine Möglichkeit bekommt zu zeigen, was sie kann.

Ein wichtiges Bewertungskriterium der Jury hatte Sean Penn schon zum Beginn des Festivals benannt. Der mögliche Gewinner müsse sich "bewusst sein, in welchen politischen Zeiten er lebt", gab der amerikanische Kinorebell zu Protokoll. Diesen Anspruch, Politik und Kino zu verknüpfen, haben gleich mehrere Werke sehenswert erfüllt. Der Anti-Kriegsfilm "Waltz With Bashir" von Ari Folman aus Israel beispielsweise, das neapolitanische Camorra-Drama "Gomorra" von Matteo Garrone oder auch die etwas überladene, aber schöne Familien-Terror-Internet-Geschichte "Adoration" des Kanadiers Atom Egoyan.

Auch den Brüdern Jean-Pierre und Luc Dardenne werden wieder Chancen zugeschrieben, obwohl ihr Emigranten-Drama "La silence de Lorna" nicht die realistische Wucht ihrer vorigen Filme hat. Der Hauptpreis von Cannes fehlt noch in der Sammlung von Clint Eastwood. Bei seinem klassisch erzählten Film "The Exchange" mit Angelina Jolie konnte sich das Publikum von vielen Anstrengungen und Zumutungen auf der Leinwand erholen und emotional berühren lassen.

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