Aus den Flegeljahren eines Agenten

- "Mein Name ist Bond. James Bond." Er sagt es erst am Ende von "Casino Royale", dieser 007, an dem so vieles anders ist im Vergleich zu den Vorgängern. Keine Föhnwelle wie Pierce Brosnan, keine Gentleman-Grandezza wie Sean Connery, keine mokant hochgezogenen Augenbrauen wie Roger Moore. Als er an der Bar einen Wodka Martini verlangt, gibt er auf die Frage "Geschüttelt oder gerührt?" nur ein pampiges "Sehe ich aus, als ob mich das interessiert?" zurück.

 Filmbericht

Andere Zeiten, andere Sitten. Seit einem Jahr wurde Daniel Craig mit Hohn überzogen. "James Blond" oder "Weich-ei" waren noch die zärtlichsten Beschimpfungen, die sich der Neu-Bond anhören musste. Alles nur, weil er bei den Dreharbeiten auf den Bahamas einen Sonnenbrand bekam, mit der Schaltung des Aston Martin nicht umgehen konnte und beim Pressetermin auf dem Motorboot in Schwimmweste erschien

Der neue Bond läutet eine Zeitenwende ein

Doch die Frischzellenkur der Reihe war dringend nötig. 456 Millionen Dollar spielte der letzte 007-Film "Stirb an einem anderen Tag" ein. Trotzdem ließ die Sogwirkung Bonds seit längerem stark nach, und die Kinosäle glichen Klassentreffen der Abiturjahrgänge 1980 bis 1990. Die jungen Zuschauer saßen im Vorführraum daneben und sahen sich "Star Wars" oder "SAW" an. Ihnen erschien 007 mitsamt seinen Kalter-Krieg-Abenteuern und den zuverlässig lausigen Spezialeffekten der Filme liebenswert antiquiert.

Mit dieser Aura sollte schon zu Brosnans Zeiten Schluss sein. Doch das funktionierte nicht recht. Brosnan klebte bei der Interpretation seiner Figur zu deutlich an den zwei bedeutendsten 007-Veteranen Connery und Moore. Heldenhaft und draufgängerisch, aber auf die feine englische Art, will heißen: ohne sich die Hände wirklich schmutzig zu machen am Dreck dieser Welt.

Craigs Bond ist aus einem anderen Holz geschnitzt. Rustikale Eiche statt blank poliertes Mahagoni sozusagen. Der neue Geheimagent im Auftrag Ihrer Majestät ist ein sinistrer Waisenknabe, der auf der einen Seite kühl und kontrolliert bis in die Haarspitzen ist, der andererseits aber auch ein sehr unbeherrschter Mensch sein kann. Craig verkörpert diesen gar nicht mehr aalglatten Heroen der Neuzeit mit angenehmer Selbstironie und jeder Menge Schlagkraft.

Regisseur Martin Campbell, der mit "Goldeneye" 1995 schon Brosnans Bond in die Gesellschaft einführte, inszenierte "Casino Royale" souverän, aber manchmal zu routiniert als klassischen Actionfilm. Die überbordende Technik der letzten Produktionen fehlt nahezu völlig. Der Mann und seine Mission stehen wieder im Mittelpunkt. Hier lassen harte Männer Fäuste sprechen. Campbells Held prügelt, schießt, brüllt und schwitzt, dass man sich als Zuschauer gelegentlich verwundert die Augen reibt.

Nicht im Dinnerjackett, sondern im Hawaiihemd geht der Craig-Bond auf Terroristenjagd, um den hinterhältigen, mit dem Bond-Bösewicht-obligatorischen körperlichen Makel versehenen Bankier Le Chiffre (Mads Mikkelsen) zu erledigen. Außerdem verliebt er sich. Heftig. Diese Naturburschenart ist einerseits ein geschicktes Anpassen an moderne Actionfilme, um wieder jüngere Zielgruppen für den Mann zu erwärmen. Die wechselten in den letzten Jahren zu TV-Serien wie "24", um dort innovativ aufbereitete Action mit ambivalenten, spannenden Charakteren zu sehen. Kein Wunder, dass der Craig-Bond deutlich an Kiefer Sutherlands Rolle des CTU-Agenten Jack Bauer erinnert.

Andererseits gibt es auch einen inhaltlichen, von 007-Autor Ian Fleming verfassten Grund: "Casino Royale" ist der erste Bond-Roman. In ihm erklärte Fleming 1953, wie der Agent 07 seine zweite "Null" erhält, die viel beschworene Lizenz zum Töten. Das Buch beschreibt darüber hinaus akribisch einige Foltermethoden, mit denen Le Chiffre dem Agenten zu Leibe rückt. Campbell hat sie äußerst hautnah umgesetzt. "Sex, Blut und Donnerschläge" verlangte der legendäre Produzent Albert R. Broccoli von der Reihe. Barbara Broccoli setzt das Credo des Vaters schnörkellos in die Tat um.

Nach all den Jahren mit diversen Bonds erscheint der Rückgriff in James‘ Jugend- und Flegeljahre gewöhnungsbedürftig. Doch die Zeitenwende, die Craigs Debüt einläutet, wird durch den inhaltlichen Neustart zum Beginn einer anderen Ära. Von kleinen Schwächen abgesehen, scheint es eine gute zu werden.

(Ab morgen in München: Mathäser, Maxx, Royal, Münchner Freiheit, Leopold, Cadillac, Autokino, Cincinnati, Forum-Kinos, Gabriel, Rio, Cinema i.O., Museum i.O)

"James Bond 007: Casino Royale"

mit Daniel Craig, Mads Mikkelsen

Regie: Martin Campbell

Sehenswert ****

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