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Für den vierten Teil des Piraten-Spektakels wurde teilweise das Personal ausgetauscht. So sucht an der Seite von Captain Jack Sparrow (Johnny Depp) nun Piratentochter Angelica (Penélope Cruz) nach dem Quell ewiger Jugend.

Fluch der Karibik IV: Abenteuerspielplatz auf See

Auf zu neuen Abenteuern: Der vierte Teil des Piraten-Spektakels "Fluch der Karibik - Fremde Gezeiten"  wurde von vielen Fans sehnsüchtig erwartet. Hier der Kinotrailer und die Filmkritik:

Er ist der Fliegende Holländer des Kinos geworden: Verdammt dazu, über die Leinwände zu segeln, solange er Dublonen in die Schatztruhe der Produzenten springen lässt. Anfangs war Captain Jack Sparrow ein Glücksfall: Johnny Depp, damals noch ein Star des Independent-Kinos, machte die kalkulierte Verfilmung einer Disneyland-Attraktion zu seinem Abenteuerspielplatz. Gab den Piratenkapitän als latent angeschickert-schwule Version von Keith Richards (wovon die Synchro wenig übrig lässt) – und pustete damit begeisternde Frische in die Segel der Hollywood-Handelsfregatte.

Doch der Erfolg wurde zum Fluch. Man ließ zwei Fortsetzungen vom Stapel laufen, aufgebläht, lärmend, wirr. In einem Interview hat Depp unlängst selbst zugegeben, dass er in deren verknoteter Plot-Takelage den Überblick verlor – und Regisseur Gore Verbinski auf die Frage nach dem Wer, Wie, Warum meinte: „Auch keine Ahnung – drehen wir’s einfach!“ Die fertigen Filme hat Depp sich gar nicht erst angeschaut.

Nun, man hat beim vierten Teil aus den Fehlern gelernt – ein bisschen zumindest. Der Zyniker Verbinski ist vom Kunsthandwerker Rob Marshall abgelöst, der sich als Musical-Spezialist („Chicago“, „Nine“) mit Nummernrevuen auskennt, etwas bodenständigen Charme in die Serie zurückbringt. Die Leinen der bisherigen Handlung sind weitgehend gelöst, „Fremde Gezeiten“ beginnt mit großteils neuem Personal und eigenständiger, abgeschlossener Geschichte. Nun ist Penélope Cruz an Bord als Tochter des furchteinflößenden Captain Blackbeard (Ian McShane). Freilich: Es bleibt das Problem, dass man nicht wirklich etwas zu erzählen hat – und dafür viel zu lang braucht. Als Inspirationsquelle plünderte man einen frühen Roman des Fantasy-Autoren Tim Powers. Doch über die Hälfte der zweieinhalb Stunden Laufzeit verrinnen, bis der Film Fahrt aufnimmt, endlich die Einleitung um ist. Dabei hätte die nur wenige Sätze benötigt: Sparrow, Blackbeard & Tochter wollen zur legendären Quelle der Jugend, dazu brauchen sie zwei magische Becher und eine Meerjungfrauen-Träne. Auf ihren Fersen sind Erzrivale Barbossa und eine Gruppe Spanier.

Da hilft’s nicht, dass die munterste Action-Salve bereits ganz zu Abfang abgefeuert wurde. Und man eine Schwäche von Teil 3 überkompensiert: War dort Jack Sparrow nur noch Randfigur, übernimmt er jetzt das Ruder als alleiniger Hauptheld. Das hat einen ähnlichen Effekt wie eine zu große Schüssel einer Lieblings-Leckerei – man merkt, dass man auch der schönsten Dinge überdrüssig werden kann. Der wahre Jack Sparrow dieses Films ist quasi Geoffrey Rush: der hat mit seiner wohldosierten Nebenrolle als Barbossa eine diebische, chargierende Freude.

Wie oft bei diesen überdesignten, totkalkulierten Blockbustern finden sich die magischen Momente nicht in der Hauptfahrrinne. Die berückendste Szene zeigt die Annäherung der Meerjungfrauen an ein als Köder ausgesetztes Ruderboot voller Matrosen. Auch wenn das Bild von todbringender Weiblichkeit finsterstes 19. Jahrhundert ist: Hier tun sich plötzlich Tiefen auf, gibt es Staunen und Zauber.

So erreicht „Fremde Gezeiten“ den Hafen mit Resten von Publikums-Wohlwollen im Laderaum – jedoch auch dem Gefühl, dass es jetzt dann mal gut wäre. Aber ahoi: Teil 5 befindet sich bereits auf der Werft.

Thomas Willmann

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