Das ist ein fragiles Kunst-Projekt

- Das Fest schien gar nicht mehr aufzuhören: Kaum hatte Thomas Vinterberg 1998 mit "Das Fest" das Festival von Cannes gewonnen und zugleich den ersten "Dogma"-Film gedreht, erhielt er Angebote aus der ganzen Welt. Der damals erst 28-Jährige erschien als neues Wunderkind einer ganzen Branche. Vier Jahre hat es gedauert bis Vinterberg seinen neuen Film, das Wunschprojekt "It's All About Love", fertig gestellt hat. Er läuft morgen in den Kinos an.

<P>Depression, Kälte, "kosmische Unruhen" - wie sind Sie auf Ihren futuristischen Albtraum gekommen?<BR><BR>Vinterberg : Menschen wie Sie und ich reisen herum, füllen sich mit immer neuen Projekten an. Es ist alles so flüchtig. Darum dreht sich mein Film. Leute sterben daran, dass sie in ihrem eigenen Leben nicht präsent sind, dass ihnen die Liebe fehlt. Um uns herum gibt es viele lebende Tote. <BR><BR>Haben Sie ein Kriterium, um herauszufinden, wer so ein Zombie ist? <BR><BR>Vinterberg : Wenn ich darüber spreche, fühlen sich manche stark angegriffen. Das verrät sie. Viele Menschen kennen das Gefühl, dass man zuhause herumsitzt und weg will, um seine Arbeit zu machen. Und wenn sie dann dort sind, sehnen sie sich zurück. Man ist sozusagen zugleich an- und abwesend. Dies entspricht sehr dem Lebensgefühl unserer Generation. <BR><BR>Ihr neuer Film hat viele schockiert: das absolute Gegenteil des "Dogma"-Stils.<BR><BR>Vinterberg : "Dogma" ist für mich kein Stil. Es war vor allem ein Gang auf dünnem Eis, ein Forschungstrip auf neuem Terrain. In einer sehr naiven, sehr arroganten, sehr selbstbezogenen Weise. Aber es war so befreiend, künstlerisch herausfordernd. Gerade darum dachte ich: Das einfach zu wiederholen wäre mindestens langweilig. Und viel zu sicher. Ich hatte also gar keine andere Wahl, als mich genau auf die andere Seite zu begeben. Wir mussten geradezu gewaltsam darum kämpfen, etwas mit vielen Requisiten, Make-Up, Musik, Kamera- und Bildertricks zu machen. <BR><BR>Es war dies also auch eine ganz andere Art zu arbeiten?<BR><BR>Vinterberg : Ganz und gar. Im Gegensatz zu "Dogma", wo alles hier und jetzt war, ist in diesem Fall alles Illusion: Nichts ist wahr, es gibt viele Tricks. Nichts "stimmt"! Aber innerhalb dieses Illusions-Rahmens gibt es genauso eine authentische Wahrheit wie in "Das Fest".<BR><BR>Welche Zuschauer-Reaktion wünschen Sie sich?<BR><BR>Vinterberg : Das ist ein sehr fragiles Kunst-Projekt. Mit all seinen Grenzen. Die Geschichte lässt sich kaum erzählen, sie hat keine Lösung; der Film stellt mehr Fragen, als er Antworten gibt. Als ob er etwas suchen würde. Was ich mir wünschen würde, ist, dass man alle Erwartungen aufgeben könnte. Seid offen! Das Wichtigste sind die Bilder. Für mich ist dies auch eine Reise in die Fantasien meiner Kindheit, in die Filme, die ich damals gesehen habe - man müsste den Film als Traum ansehen. <BR><BR>Können Sie sich auch mit der Paranoia Ihrer Figuren identifizieren? <BR><BR>Vinterberg : Ja. Obwohl es für mich eher bedeutet, einen traurigen Sachverhalt zur Kenntnis zu nehmen. Aber meine Freunde finden auch, dass ich paranoid sei. Ich arbeite, seit ich 16 bin. Jetzt mache ich, was ich will. Während der Arbeit am Drehbuch habe ich bei Ingmar Bergman angerufen. Es war ein witziges Gespräch: Der hat mich für verrückt erklärt, weil ich nicht viel schneller wieder einen Film gemacht habe. "Man sollte immer schon am nächsten Projekt arbeiten, bevor das letzte fertig ist", meinte er, und erzählte, wie er einmal erst eine Woche später erfahren hat, dass er in Cannes gewonnen hatte. So sollte es sein.<BR></P><P>Das Gespräch führte Rüdiger Suchsland<BR><BR></P>

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