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"Freistatt": Im braunen Sumpf der Erziehungsanstalt

Marc Brummund beleuchtet mit "Freistatt" nicht nur die früheren Zustände in Kinderheimen, sondern auch die postfaschistische Nachkriegsgesellschaft

Erziehungsheim trifft Gefängnis und Arbeitslager. So muss man sich Freistatt wohl vorstellen. In dem niedersächsischen Ort am Wietingsmoor waren zwischen 1899 und den 1970er-Jahren Jugendliche in der „Fürsorgeerziehung“ untergebracht. Eine echte Ausbildung gab es nicht. Stattdessen wurden sie als Torfarbeiter ausgebeutet und misshandelt. Erst 1969 machte eine Kampagne der Apo die Öffentlichkeit auf die katastrophalen Zustände in den Erziehungsanstalten aufmerksam. Der Bundestag beschloss erst vor vier Jahren eine Entschädigung der Betroffenen.

Regisseur Marc Brummund durfte seinen Spielfilm über Freistatt an Originalschauplätzen drehen. Für Optik und Metaphorik ist das ein Glücksfall. Braun und abweisend ist das Moor, in dem die Zöglinge schuften müssen. Das wenige Grün versinkt im Wasser. Und die Buben versinken mit. Anders dagegen inszeniert Brummund den Alltag in der Kleinstadt. Weichgezeichnet, dazu der lässige Sound der Sixties. Doch auch diese nostalgische Welt steckt voller Grausamkeiten. Was nützt die beste Grillparty, wenn in den Familien postfaschistische Männer und jämmerlich abhängige Frauen dominieren?

So wie beim Teenie Wolfgang (Louis Hofmann). Die Liebe, die ihm die Mutter (Katharina Lorenz) entgegenbringt, wirkt wie narzisstischer Missbrauch. Stiefvater (Uwe Bohm) ist eifersüchtig auf das Hätschelkind und lässt Wolfgang ins Heim einweisen. Der Hass und die Gewalt, die Wolfgang in Freistatt entgegenschlagen, bilden quasi das Schloss zum Schlüssel in einer Gesellschaft, die das faschistische Erbe Ende der Sechziger noch lange nicht aufgearbeitet hatte. Mit dem brutalen Oberbruder Wilde (Stephan Grossmann) und dem vermeintlich milden Hausvater Brockmann (Alexander Held) schuf Brummund mit Drehbuchautorin Nicole Armbruster zwei klassische NS-Figuren: den prügelnden SA-Mann und den subtilen Sadisten. In der Figur des Bernd (Enno Trebs), des Anführers der Burschen, spiegelt sich die ganze Komplexität des Films: Mit ihm haben die Macher einen Charakter geschaffen, wie man ihn nur selten in der Kunst findet: hart, verstörend und doch von einer überraschenden Tiefe.

von Katrin Hildebrand

„Freistatt“

mit Louis Hofmann, Alexander Held

Regie: Marc Brummund

Rubriklistenbild: © Salzgeber & Company Medien/dpa

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