Freundschaft als Utopie

- Ein Taumel: Emmanuelle Béart hastet über die Leinwand, und dieser Sog des Anfangs in starken Grundfarben Rot und Blau und die ständige, ruhelose Bewegung der Kamera hören gar nicht mehr auf. André Téchiné, der mit seinen analytischen, leidenschaftlichen, immer ein wenig konstruierten Filmen eine Art Nachzügler der Nouvelle Vague ist, zeigt in "Les Temoins" ("Die Zeugen"), wie Aids nicht etwa den Sex, sondern die Liebe und überhaupt die Gefühle verändert.

Über den Wechsel der Jahreszeiten hinweg erzählt der Film von Freundschaft und vom Sterben. Während Letzteres bitter und realistisch geschildert wird, begeistert Téchiné einmal mehr durch den Mut zur Utopie, die er ­ wie in "Wilde Herzen" ­ in der Freundschaft findet. Die ist bei ihm auch in der Epoche der Seuche ganz romantische Geselligkeit, ein Phänomen, das alle Grenzen der Kultur, Klasse, sexueller Orientierung sprengt.

Zur Halbzeit bei der Berlinale setzen sich im Wettbewerb die privateren Stoffe durch. Filme, die einzelne Menschen ins Zentrum rücken und an ihnen universelle Themen durchexerzieren. Bis dahin standen historische Stoffe im Vordergrund. "Das Jahr als meine Eltern in Urlaub waren" vom Brasilianer Cao Hamburger berichtet etwa von der brasilianischen Diktatur aus einer Kinderperspektive ­ ein eindringliches Drama. Weltstar Robert De Niro geht in seiner zweiten Regiearbeit "The Good Shepherd" ("Der gute Hirte") zurück in die Zeiten des Kalten Kriegs (siehe Kritik links).

Mit Lust am Entfalten von Verschwörungstheorien und an Film-Noir-Anspielungen erzählt Paul Schrader in "The Walker". Hauptfigur ist Carter Page, Politikersohn und ein "American Gigolo", gespielt von Woody Harrelson, der in Amerikas Machtzentrum Washington arbeitet und zahlreiche Politikerinnen und -gattinnen zu seinen Kunden zählt. Seine beste Freundin, die Frau eines liberalen Abgeordneten (Kristin Scott Thomas), kommt in Schwierigkeiten, als ihr Liebhaber ermordet wird. Auch Carter wird zur Zielscheibe einer Hexenjagd der politischen Rechten.

Satire aus dem Herzen von Bushs Amerika

Schraders Film, in dem Lauren Bacall in einer größeren Nebenrolle und Moritz Bleibtreu als schwuler arabischer Freund Carters dabei sind, ist in jeder Hinsicht unterhaltsam und klug. Eine Satire aus dem Herzen des Bush-Amerika, gewürzt mit Wortwitz, ein hintersinniges Porträt der amerikanischen Oberklasse. Wäre Schrader nicht Jury-Präsident und sein Film ergo außer Konkurrenz, wäre "The Walker" ein sicherer Preiskandidat. Sehenswertes lief natürlich auch in den Nebensektionen: Im Panorama gab es das Regiedebüt der französischen Schauspielerin Julie Delpy: "Two Days in Paris" ist die Liebesgeschichte zwischen einem Amerikaner und einer Französin. Voller Ironie und gut beobachtet, handelt der Film auch von der kulturellen Differenz zwischen altem Europa und den USA.

Mit von der Partie in der Komödie sind Delpys Eltern, beides bekannte Theaterschauspieler, und Daniel Brühl in einer Nebenrolle als Anti-Globalisierungskämpfer, der Brandanschläge auf Fast-Food-Ketten verübt.

"Jagdhunde" von Ann-Kristin Reyels erzählt von einer Familie auf dem brandenburgischen Land. Ein glänzendes Drehbuch thematisiert Menschen, die sich einander entfremdet haben und sich wieder annähren. Eine unerwartet erwachsene Komödie ­ keineswegs Alltag im deutschen Film.

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