Freundschaft und Verrat

München - Zwei Freunde, sich perfekt ergänzend im Wettkampfspiel des Drachensteigens, aber ganz und gar ungleich in Herkunft und Leben: Hassans (Ahmad Khan Mahmoodzada) Vater ist der Diener vom Vater Amirs (Zekiria Ebrahimi). Zu den Klassenunterschieden kommt die unterschiedliche Stammeszugehörigkeit.

Mag das Afghanistan des Jahres 1975 zumindest in Kabul auch noch so westlich orientiert, so "frei" und zukunftsfreudig gewesen sein, zu einer Chancengleichheit, zumindest nach westlichem Muster, langt es nicht und noch nicht einmal dazu, dass Amirs Vater (Homayoun Ershadi) die Ausbildungskosten des Dienersohnes übernimmt.

Aus der Spannung zwischen Freundesloyalität und Hoffnung auf Anerkennung durch den Vater ist das psychologische Urerlebnis im Leben Amirs zu erklären: Als Hassan von Nachbarschaftsjungen vergewaltigt wird, hilft ihm Amir nicht, weil er sich vor dem Vater schämt. Aus Scham bezichtigt er den Freund einer Tat, die dieser nicht beging. Diesen Verrat, den er selbst von Anfang an als solchen empfindet, kann er nicht wieder gut machen. Er trägt all das als schwere Last durchs Leben.

"Drachenläufer", dem der Roman des im US-Exil lebenden Afghanen Khaled Hosseini zugrunde liegt, setzt im Jahr 2000 ein. Amir ist 38 (Khalid Abdalla) und nicht nur Erfolgsautor, sondern auch ein glücklich verheirateter Melancholiker. Ein Anruf aus Afghanistan wird zum Auslöser einer Reise in die Heimat und die eigene Erinnerung. Hin und her springt der Film zwischen den Zeiten. Das ist da überzeugend, wo Regisseur Marc Forster das blühende Kabul vor dem russischen Feldzug und der Machtübernahme der Taliban zum Leben erweckt - ein Grau in Grau voll feiner Differenzen und Subtilität. Später wird es dann leider Schwarz-Weiß. Das gilt für die arg holzschnittartige Reise des erwachsenen Amir mit falschem Bart ins Reich der Taliban. Allzu ängstlich vermeidet der Film dabei alles, was die emotionale Story irgendwie verkomplizieren könnte, und kennt nur Gut und Böse. Paradoxerweise hat alles eine - bei diesem Gegenstand befremdliche - Grundtendenz zum völlig Unpolitischen. Der größere Zusammenhang verschwindet in privater Befindlichkeit. Das gilt noch mehr für den amerikanisierten, sowohl exotisierenden wie sentimentalen Blick. Eigentlich ist das eine klassisch puritanische Fabel über das Bedürfnis, sich zu reinigen von der Ursünde, sich selbst zu verbessern durch harte Arbeit am Selbst. Das mag an der Buchvorlage liegen, entschuldigt aber nicht den Film und den Deutschschweizer Regisseur Marc Forster, der mit seiner uninspirierten Inszenierung zu wenig leistet, um zu irritieren. (In München: Filmcasino, Münchner Freiheit, City, Rio, Atlantis, Cinema OV.)

"Drachenläufer"

mit Khalid Abdalla,

Regie: Marc Forster

Annehmbar

Kinder im Kino

Kinder, Kinderdarsteller und Kindheit sind Sonderfälle des Films. Schon der Stummfilm bediente sich der Kinder, um Frische, Natürlichkeit und Überraschungen in die Geschichten zu bringen. Im Kino gewinnen Kinder fast immer die Sympathie der Zuschauer. Spätestens seit Charlie Chaplins "The Kid" wird auch die andere Seite, das Leiden von Kindern und ihre Schutzbedürftigkeit, zum Thema. "Der Drachenläufer" ist ein Beispiel für einen neueren Trend. Wie "Abbitte" zeigt der Film eine durch die Erwachsenenwelt korrumpierte Kindheit und Kinder auf der Schwelle zur Pubertät, die von Erwachsenen missbraucht werden. Vor allem das Kino des iranischen Kulturraums hat eine Tradition darin, in Form von Kinderschicksalen von der Erwachsenenwelt zu erzählen. 

rsl

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