Friede den Streithähnen

- Gleich zu Beginn geht mit Getöse eine Lawine zu Tal. Scharf heben sich die Zacken der Gipfel vom Himmel ab, unheilvoll wälzen sich die Schneemassen den Hang hinab. Joseph Vilsmaier hat wieder einmal im Gebirge gedreht, und das geht nicht ab ohne pittoresk in Szene gesetzte Naturgewalten. Wie schon in "Herbstmilch" oder "Schlafes Bruder" heult auch in "Bergkristall" der Wind um die schiefen Bauernkaten, die Zicklein meckern leise, und die armen, aber ehrbaren Leute in ihren ansehnlich verschmutzten Wämslein puhlen im trüben Kerzenschein abends Brotkrumen.

<P>Vilsmaier hat 1988 mit der Verfilmung von Anna Wimschneiders Autobiografie "Herbstmilch" drei Dinge gezeigt: erstens, wie präzise er Stimmungen einfangen kann. Vor allem in den Dialogen schien damals die Leinwand vor Spannung zu vibrieren. Zweitens, dass es fortan keinen Vilsmaier-Film mehr ohne Dana Vavrova geben wird. Und drittens: Auch wenn alles im Alpenländischen angesiedelt ist, spielt es keine Rolle, ob alle Hauptakteure Dialekt sprechen können. Insofern ist auch "Bergkristall" ein typischer Vilsmaier. </P><P>Die besten Szenen gelingen ihm in der klaustrophobischen Enge der Bauernhäuser. Wenn die Menschen zusammensitzen und doch keine Ruhe finden, wenn Neid und Missgunst sich auf den vom Leben und vom Wetter gegerbten Gesichtern abzeichnen, dann ist Vilsmaier ganz groß und sein Gespür fürs Detail, für das Zucken des Mundwinkels und das Heben der Augenbraue, ist stimmig und sinnvoll. Schlimm wird es, sobald sich Vilsmaier den Außenaufnahmen hingibt. Er ist ein Freund der Berge. Deswegen ist umso enttäuschender, dass ihm zu seiner Passion nicht mehr einfällt als das platte Panorama. </P><P>Vilsmaier ist ein Abfilmer der majestätischen Gebirgslandschaft, mehr nicht. Er hat keine Idee, wie man das Bild einer Gletscherhochebene sinnvoll in die Handlung integrieren könnte. Deswegen stehen ab der Hälfte des "Bergkristalls" die ansehnlichen Aufnahmen markanter Felsmassive unverbunden nebeneinander und sorgen für Langeweile. Zum Glück aber ist die literarische Vorlage, die Vilsmaier gefunden hat, quasi unkaputtbar: Adalbert Stifters gleichnamige Erzählung über zwei verfeindete Bergdörfer und ein Geschwisterpaar, das nach einem gefährlichen Abenteuer nicht nur ihre verarmten Eltern wieder lachen lässt, sondern auch die Ortschaften aussöhnt, birgt alles, was ein Heimatfilm braucht - Liebe und Leid, Glück und Sorge, Armut, inneren Reichtum und schließlich Friede unter allen Streithähnen. </P><P>Vilsmaier hat daraus einen soliden Vorweihnachtsfilm gearbeitet. Daher sind auch die mitunter holzschnittartigen bis hölzernen Charaktere und Dialoge zu ertragen. <BR><BR>(In München: Mathäser, Münchner Freiheit, Rio, Sendlinger Tor, Kino Solln, Museum.) </P><P>"Bergkristall" <BR>mit Josefina Vilsmaier, François Göske <BR>Regie: Joseph Vilsmaier <BR>Annehmbar </P><P>Gefährliches Abenteuer im Eis: Die Dorfkinder Sanna (Josefina Vilsmaier) und Konrad (François Göske). </P>

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