Frischzellen fürs Skelett

- Das Genre des klassischen Gangsterfilms kann es eigentlich gar nicht mehr geben. Die Spannung, wenn nach langer Recherche endlich der Tresor geknackt ist oder die Kronjuwelen geraubt sind, erschien schon in Filmen wie "Topkapi" recht konstruiert. Denkt man an das seelenlose, hochgerüstete Remake von "Oceans Eleven", ist klar, was aus einer aktualisierten Fassung des Meilensteins "Ladykillers" alles Furchtbares hätte werden können: ein seelenloser, gelackter Film, der allein durch elegante Ausleuchtung und Staraufgebot punktet.

<P>Fallstricke dieser Art haben die Brüder Ethan und Joel Coen klug umschifft. "Wir haben das Skelett herausgerissen und aufbewahrt und alles andere weggeworfen", gaben die Regisseure bei der Premiere ihres Remakes in Cannes zu. Nur durch diese Radikalkur wurden ihre "Ladykillers" zu einem eigenständigen Film.</P><P>Im Gegensatz zum Original mit Alec Guiness und Peter Sellers aus dem Jahre 1955 findet das Geschehen nicht in London, sondern in einem Südstaatenkaff statt. Hier nisten sich die Ganoven unter der Führung des verschrobenen Honorarprofessors Goldthwait Higginson Dorr (Tom Hanks) im Hause einer gutmütigen alten Dame (Irma P. Hall) ein. Mit seiner kriminellen Phalanx will Dorr das örtliche Casino ausrauben. Operationsbasis ist die Villa der Witwe. Die kriegt jedoch bald mit, dass die angeblichen Musiker, die da in ihrem Keller proben, weitaus Übleres im Schilde führen, als nur Boccherini zu verhunzen. Klare Sache: Die Alte muss weg, da sie den Plan zum Scheitern bringen könnte. Doch statt Witwe Munson beißen nacheinander die Mitglieder der Bande ins Gras.</P><P>Die Coen-Brüder haben außer dem groben Plot keinen Stein auf dem anderen gelassen. Doch die Frischzellenkur der Coen-"Ladykillers" ist nur eine äußerliche. Die präzise Grundstruktur des Originals von Alexander Mackendrick haben die Regisseure nahezu unangetastet beibehalten. Sie entstaubten die Dialoge, transferierten die Handlung in die Gegenwart und würzten das Ganze mit ihrem skurrilen Humor. Das wölfische Lächeln von Alec Guiness wurde ersetzt durch einen durchtrieben grienenden Tom Hanks, der mit seinem Zigarrenqualm und den permanent rezitierten Edgar-Allen-Poe-Versen die fromme Ruhe der alten Lady stört.</P><P>Das Sammelsurium von schrägen Vögeln war von je her eine Spezialität der Coen-Filme. Hier hat jeder seinen eigenen Tick, vom Reizdarm-geplagten Sprengstoffexperten bis zum debilen Muskelprotz. Jede Figur überzeugt in ihrer Charakterzeichnung, und die exzellente Darstellerriege enttäuscht kaum. Die unnachahmliche Brillanz des Originals kann das Remake zwar nicht erreichen. Ein bemerkenswerter Film ist es trotzdem geworden. (In München: Mathäser, Marmorhaus, Royal, Cinema.)</P><P>"Ladykillers"<BR>mit Tom Hanks, Irma P. Hall<BR>Regie: Joel und Ethan Coen<BR>Sehenswert</P>

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