Früher habe ich mehr gemeckert

Interview mit Katharina Thalbach: - Katharina Thalbach wurde am 19. Januar 1954 in Berlin geboren. Sie ist die Tochter der Schauspielerin Sabine Thalbach und des Regisseurs Benno Besson. Mit vier Jahren spielte sie erste Kinderrollen. Einen Monat nach der Ausbürgerung von Wolf Biermann siedelte Thalbach im Dezember 1976 mit ihrem Lebensgefährten, dem Autor Thomas Brasch, nach West-Berlin um.

Sie spielte am Theater und in Filmen wie "Der nackte Mann auf dem Sportplatz" oder Volker Schlöndorffs "Die Blechtrommel"; inszenierte auch selbst am Theater. Jetzt hat sie in Schlöndorffs "Strajk ­- Die Heldin von Danzig" die Hauptrolle: Anna Walentynowicz, Kranführerin der Danziger Lenin-Werft ­ eine Heldin wider Willen. Der Film läuft am Donnerstag an.

Ihre Karriere fasziniert durch Vielseitigkeit: Sind Sie lieber Regisseurin oder Schauspielerin?

Thalbach: Früher, bevor ich selber Regie geführt habe, habe ich mehr gemeckert. Da bin ich jetzt etwas bescheidener geworden, weil ich weiß, was das für ein Knochenjob ist. Aber wenn ich wählen müsste, wäre es immer die Schauspielerei und immer die Bühne. Ich hoffe nur, es zwingt mich nie jemand dazu.

Schlöndorff hat Ihre Figur mit der Brecht‘schen "Heiligen Johanna der Schlachthöfe" verglichen, sie sei eine "Heilige Anna der Werften".

Thalbach: Sie ist eine Frau, die sehr tapfer war. Ihr Widerstand ist aus Zorn geboren. Sie gibt für mich ein schönes Bild ab. Wenn ich die Welt nicht für veränderbar halten würde, wäre es doch ziemlich trist. Es hat immer wieder Versuche gegeben, über eine gerechtere Verteilung nachzudenken oder andere Formen des Zusammenlebens. Sie sind immer wieder gescheitert. Aber es ist auch immer wieder passiert. Ich habe keine Lust, zynisch zu werden, zu sagen, es hat eh keinen Zweck. Ich versuche irgendwie, und sei es auf die abwegigste Art und Weise, Punkte von Utopie herauszukriegen, zu zeigen, dass es andere Möglichkeiten gibt.

Sie sind 1976 aus der DDR in den Westen gegangen. Wie war das?

Thalbach: Es lag irrsinniger Schnee. Wir wollten ein Taxi rufen, aber das Telefon war schon gekappt. Wir waren wie Kriegsheimkehrer. Thomas Brasch hatte meine zweieinhalbjährige Tochter Anna auf dem Arm. Er einen Koffer in der freien Hand, ich zwei. Wir sind bis zum Bahnhof Friedrichstraße gelaufen und dann mit der S-Bahn zum Bahnhof Zoo gefahren, um halb acht Uhr morgens. Wir nahmen ein Taxi zu meiner Großmutter. Ich habe bis abends um zehn nur geheult. Für mich war es Exil. Alles war mir fremd. Es war so grell, laut. Schön fand ich es erst später, als ich nach Marseille fuhr. Im Westen habe ich auch mein erstes Bier getrunken. In der DDR hatten wir Wodka getrunken oder Korn. Wein hat mir nie geschmeckt.

Sie haben gesagt, die Übersiedlung war eine ein private Entscheidung.

Thalbach: Natürlich war es nicht nur privat. Aber es war nie eine politische Entscheidung in dem Sinne, dass es eine gegen die DDR war. Ich war mit Brasch zusammen. Durch ihn habe ich eine klarere politische Haltung bekommen -­ mit allen Widersprüchen, die Brasch auch hatte. Wir liebten den Kommunismus und wollten ihn leben. Aber zunehmend merkten wir, dass im Staat etwas ganz anderes praktiziert wird. Wir haben die DDR nicht gern verlassen. Weil Brasch gehen musste, war klar, dass ich ihn begleite. Insofern war es privat.

Wie ist heute Ihre Sicht auf die DDR?

Thalbach: Es gab eine Zeit, in der ich sie gehasst habe. Das hatte ganz simple Ursachen ­- ich durfte nicht zu meiner Oma. Ich hatte natürlich wie alle DDR-Bürger das Gefühl, hinter dieser Mauer lauern ganz andere Dinge, die einem verborgen bleiben und Sehnsüchte wecken. Aber mit Glück gesegnet war die DDR nie. Die DDR hatte zwar kein kulturelles Problem. Aber ein ökonomisches; sie war von Anfang an das ärmere Deutschland.

Das Gespräch führte Rüdiger Suchsland.

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