Ich fühle mich zutiefst perfekt

- Ein skeptischer Komiker, ein Pessimist mit der Maske des Humoristen: Bei der Eröffnung des Filmfestivals von San Sebastian, nach Cannes, Berlin und Venedig das wichtigste der Welt, wurde der 68-jährige Woody Allen für sein Lebenswerk geehrt. Bis zum kommenden Wochenende läuft in der baskischen Hauptstadt eine komplette Retrospektive von Allens Filmen, zur Eröffnung zeigte man sein neuestes Werk "Melinda and Melinda". Darin wird die Geschichte vom Liebesleid einer jungen Frau gleich doppelt erzählt - einmal als Tragödie und einmal als Komödie.

<P>Eine der Hauptfiguren in diesem Film ist ein Jazzpianist, der mit seiner Musik die Frauen verführt. Da Sie selbst als Musiker auftreten: Entspricht dies eigener Erfahrung?<BR><BR>Allen: Überhaupt nicht. Ich spiele ja Klarinette. Vielleicht hat man mit dem Klavier mehr Chancen, ich sollte wohl anfangen, Klavier zu spielen. Mit einem Instrument, wo nur Luft geblasen wird . . . Bei mir hat das nie funktioniert.<BR><BR>"Melinda and Melinda" thematisiert das Verhältnis von Tragödie und Komödie. Die Entscheidung lassen Sie im Film offen. Haben Sie trotzdem eine eigene Position?<BR><BR>Allen: Meine eigene Haltung finden Sie am ehesten am Ende, als eine der Figuren sagt: "Das Leben ist im Prinzip eine traurige Angelegenheit mit kleinen komödiantischen Inseln." Für mich ist das Glas tatsächlich nicht halb voll oder halb leer, sondern absolut leer. Meine größte Obsession ist die Tatsache, dass wir sterblich sind. Darum sollten wir das Leben genießen, solange wir können.<BR><BR>San Sebastian zeigt eine Retrospektive Ihrer Filme. Was verbindet sie?<BR><BR>Allen: Meine Filme erscheinen mir sehr, sehr verschieden, ich sehe überhaupt keine Ähnlichkeit zwischen "Zelig", "Bullets over Broadway" und "Manhattan". Aber es kann schon sein . . . Von außen betrachtet . . . Es ist wohl wie beim chinesischen Essen: Es gibt Hunderte von verschiedenen Gerichten, aber irgendwie ist es immer chinesisches Essen.<BR><BR>Haben Sie einen Lieblingsfilm?<BR><BR>Allen: Zurzeit ist es "Husbands and Wives". Normalerweise habe ich eine Idee und ruiniere sie dann mal mehr, mal weniger. In diesem Fall nicht. Darum ist das mein Favorit.<BR><BR>Fühlen Sie sich manchmal falsch verstanden?<BR><BR>Allen: Ich fühle mich manchmal in dem gefangen, was man öffentliche Person nennt. Ich habe schon sehr oft erklärt, dass ich nicht der bin, als der ich auf der Leinwand erscheine. Auch Clark Gable und Charlie Chaplin waren im wirklichen Leben anders.<BR><BR>"Miranda and Miranda" spielt im Milieu gut verdienender Künstler. In Ihren Filmen ist das meistens so. Immer sind es Menschen, die in Manhattan in tollen Wohnungen leben, wohlhabend und gebildet sind . . .<BR><BR>Allen: Ich habe mich auch schon gefragt, warum das so ist. Ich weiß nicht. Ich wurde nicht reich geboren, wuchs in der armen Arbeiterklasse auf. Vielleicht liegt es daran, dass ich selbst etwas Geld verdient habe, und ich zeige einfach, was ich um mich herum beobachte.<BR><BR>In Ihren Filmen spielt immer schon Psychoanalyse eine herausragende Rolle. Wie würden Sie nach all den Jahren Ihre persönlichen Erfahrungen zusammenfassen?<BR><BR>Allen: Sehr positiv. Ich denke, ich bin kuriert und fühle mich jetzt zutiefst perfekt. Für mich war die Psychoanalyse vielleicht nicht so toll, wie ich mal erhofft hatte, nichts Magisches, aber ziemlich gut, mehr plus als minus.<BR><BR>Sie drehen sehr viel, so dass Sie jedes Jahr mindestens einen Film fertig stellen. Können Sie sich eigentlich ein Leben ohne Filme vorstellen?<BR><BR>Allen: Sehr gut sogar. Ich gehe gern ins Theater, ich mag Musik und Literatur. Und ich drehe ja auch nur, wenn klar ist, dass ich absolute künstlerische Kontrolle habe. Ich mache das ja nicht nach Fahrplan, ich arbeite einfach so viel, wie ich kann, bevor ich sterbe. So aufwändig ist es auch nicht, einen Film zu drehen. Ansonsten sitze ich in meinem Haus herum. Was gibt es da schon zu tun? Filme machen ist interessant.<BR><BR>Haben Sie nie Angst, etwas könnte misslingen?<BR><BR>Allen: Wenn man mit einem Film anfängt, dann ist man immer davon überzeugt: Das wird großartig, spektakulär, das schreibt Geschichte. Während ich einen Stoff schreibe, die Schauspieler caste und drehe, finde ich alles toll. Erst im Schneideraum empfinde ich Furcht und Panik. Wie eine kalte Dusche.<BR><BR>Ihr aktueller Film "Anything else" erzählt auch viel von der derzeitigen Atmosphäre in New York, der Angst nach dem 11.September. Wie ist die Lage zurzeit?<BR><BR>Allen: Die Stadt ist voller Energie. Keiner läuft herum mit einer Belagerungsmentalität. New York ist kein bewaffnetes Lager. Mit Sicherheit hat sich eines geändert: Durch die Politik von Präsident Bush hält man alles prinzipiell für möglich. Es gibt Paranoia. Die Möglichkeit neuer Anschläge ist immer präsent - dies allerdings weniger in den Gefühlen der Menschen, vielmehr als Konversationsthema.<BR><BR>Wenn Bush wiedergewählt werden sollte: Wäre das für Sie eher eine Tragödie oder eine Komödie?<BR><BR>Allen: Ich denke, wenn Bush wiedergewählt wird, dann wäre das eine wirkliche Tragödie. Bush selber, wenn Sie ihn beobachten, ist eher amüsant. Wenn man seinen Reden zuhört und ihn genau in seiner Arbeit verfolgt, ist er für eine Million Lacher gut. Doch er ist auch ein perfektes Beispiel dafür, dass zwei Dinge oft zusammenfallen: äußerlich komische Momente, die aber vor einem sehr, sehr tragischen Hintergrund.</P><P>Das Gespräch führte Rüdiger Suchsland</P>

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