Vom Führer-Mädel zum Film-Mythos

- München/Pöcking - "Über mich sind schon massenweise so unverschämte Lügen und freie Erfindungen erschienen, dass ich längst unterm Boden wäre, wenn ich mich darum kümmern sollte. Man muß sich damit trösten, dass die Zeit ein Sieb hat, durch welches die meisten Nichtigkeiten im Meer der Vergessenheit ablaufen."

<P>Diese Sätze sind nicht, wie man dem Anlass entsprechend annehmen könnte, von Leni Riefenstahl. Sie stammen von Albert Einstein. Trotzdem schienen sie auch der am Montag Abend verstorbenen Riefenstahl programmatisch zu sein, denn mit diesen Zeilen leitete sie ihre 1987 erschienene Autobiografie "Memoiren" ein. Doch vermutlich wird das durchaus bewegte Leben der im August 101 Jahre alt gewordenen Künstlerin nicht im "Meer der Vergessenheit" untergehen.</P><P>"Den Tod stelle ich mir als das Schönste vor, was es gibt. Als eine Erlösung. Ich habe keine Angst vor dem Tod, die habe ich nie gehabt".<BR>Leni Riefenstahl<BR><BR>Zu sehr spaltete die Frau, die Hitlers Parteitage in Nürnberg kunstvoll ausleuchtete und die 1936 die Olympischen Spiele in Berlin in einem noch nie dagewesenen Aufwand filmte, bis heute die Nation. Für die einen ist Leni Riefenstahl die geniale Künstlerin, die das Kino beeinflusst hat wie niemand vor ihr. Billy Wilder ernannte beispielsweise Riefenstahls Olympia-Film zum "besten Sportfilm aller Zeiten". Für die anderen ist Leni Riefenstahl die Zeremonienmeisterin Hitlers, die unbelehrbare Nazi-Regisseurin, die sich durch ihre Arbeiten für das NS-Regime auf einen Pakt mit dem Teufel eingelassen hat. Beides ist wahr, und beides wird von nun an nebeneinander stehen.<BR><BR>Ihren 101. Geburtstag am 22. August hatte Riefenstahl noch gefeiert - nach einer Krebsoperation im Bett. In ihren letzten Lebensjahren kämpfte sie gegen unerträgliche Rückenschmerzen und musste starke Medikamente nehmen. Bei einer Afrika-Reise war sie im Jahr 2000 mit dem Hubschrauber abgestürzt und hatte sich mehrere Rippen gebrochen. An ihrem 99. Geburtstag im August 2001 beklagte sie das immer rascher fortschreitende Nachlassen ihrer Kräfte. Ihr Lebensgefährte und Kameramann Horst Kettner war bis zuletzt bei ihr.<BR><BR>Ausdruckstänzerin war die gebürtige Berlinerin zu Beginn ihrer Karriere. Nach dem durch eine Verletzung herbeigeführten, jähen Ende auf der Bühne erklomm sie als sportlich-burschikose Heldin des deutschen Bergfilms jeden Gipfel, den Regisseur Arnold Fanck ins rechte Licht setzte. Was sich während dieser Zeit in den politischen Niederungen des Alltags abspielte, interessierte sie laut Eigenaussagen stets weniger. "Ich wusste davon gar nichts" wurde seit Kriegsende zur Stereotype, die die von allen scheinbar ungerecht behandelte Filmemacherin mit gebetsmühlenartiger Regelmäßigkeit zu Gehör gab.<BR><BR>"Ich bedaure zu 100 Prozent, Hitler kennen gelernt zu haben. Dass der in mein Schicksal einge griffen hat. Mein ganzes Leiden nach dem Krieg ist nur dadurch entstanden."<BR>Leni Riefenstahl</P><P>Vieles im Leben dieser wohl öffentlichsten Person Deutschlands gab Anlass zu Spekulationen, ihre angebliche Liaison mit Hitler ebenso wie die Verbindung zu Filmpartnern wie Luis Trenker.<BR>Im dumpf wabernden, bräunlichen Sumpf gingen ihre späteren Aktivitäten, etwa die in den Siebziger Jahren publizierten und beeindruckenden Bildbände über den afrikanischen Volksstamm der Nuba, weitgehend unter. Auch an die Tatsache, dass sie als Achtzigjährige noch mit dem Tauchen anfing und mit ihrem 40 Jahre jüngeren Lebensgefährten Horst Kettner die Unterwasserwelt des Indischen Ozeans dokumentierte, erinnern sich nicht viele Menschen. Daran, dass sie "Triumph des Willens" gedreht hat, jeder.<BR><BR>Unbezweifelbar ist, dass die körperbegeisterte Ästhetik ihrer Arbeiten während des Dritten Reiches den Nationalsozialismus für die Nachwelt in Bilder gebannt hat. Denkt man heute an Deutschland von 1933 bis 1945, so denkt man auch in den Motiven, die Leni Riefenstahl damals gefunden hat. Das kann man bedenklich finden - gleichzeitig ist es aber auch ein unwiderlegbarer Beweis für das außergewöhnliche Talent dieser ehrgeizigen, oftmals widersprüchlichen Frau.<BR><BR>Für das Time-Magazine ist sie einer der 100 wichtigsten Künstler des 20. Jahrhunderts, die Popgruppe Rammstein garnierte ihr letztes Video mit nachgestellten Riefenstahl-Posen, George Lucas entlehnte in "Star Wars - Episode II" ihre Ästhetik: Einer früheren Unperson wuchs in den letzten Jahren ihres Daseins eine ungeheure Popularität zu. Bereits der Plan Jodie Fosters, Riefenstahls Vita zu verfilmen, belegt diese Wandlung des öffentlichen Bildes, das aus der Künstlerin nun selbst eine Kunstfigur machte. Leni Riefenstahl ist tot - wir werden mit ihr leben müssen, wie mit der gesamten NS-Vergangenheit.<BR></P><P> </P><P> </P>

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