Als Gastarbeiter in Hollywood

- Phillip Noyce, der aus Australien stammt, begann seine Karriere in den 70ern als Regisseur kleiner unabhängiger Filme. Mit "Dead Calm" entdeckte er 1989 Nicole Kidman und schaffte selbst den Sprung nach Hollywood. Für seine jüngsten Werke, der Graham-Greene-Verfilmung "Der stille Amerikaner" (seit einer Woche im Kino) und "Long Walk Home" (ab morgen) wurde Noyce heftig gefeiert. "Der stille Amerikaner", der erste "große" westliche Film, der in Vietnam gedreht wurde, war 2003 sogar für einen Oscar nominiert.

<P>Ihre beiden jüngsten Filme basieren auf Literaturvorlagen. Was verbindet diese zwei so unterschiedlichen Geschichten?</P><P>Noyce: Ein paar Grundthemen. Das Verlangen nach Sicherheit und Vertrautheit. Nach etwas, das älter ist als die Menschheit, das uns mit der Natur verbindet. Zugleich geht es um Humanität. "Long Walk Home" erinnert mich an meine Kindheit. Eines Nachmittags, da war ich sechs Jahre alt, fand ich nicht mehr nach Hause. Beide Filme handeln vom gleichen Typ Mensch: Der Charakter, den Kenneth Branagh in "Long Walk Home" spielt, tötet ebenso wie die Figur des Amerikaners bei Greene - mit "freundlichem Herzen". Beide denken, sie befreien die Eingeborenen - und verursachen erhebliche Leiden.</P><P>Es gab Angriffe gegen "Long Walk Home".</P><P>Noyce: Nur von ein paar unverbesserlichen Rassisten. Der Film war ein Erfolg. Aber manche wollen sich nicht der Tatsache stellen, dass wir das Land von den Aborigines gestohlen haben. Ich war immer von dieser wahren Begebenheit gerührt, vom Mut dieser Mädchen, einfach allein loszuziehen.</P><P>In den USA fanden wiederum manche den "Stillen Amerikaner" antiamerikanisch . . .</P><P>Noyce: Amerika hat nach dem 11.September seinen Sinn für Toleranz verloren. Es war sehr schwierig, den Film herauszubringen. Doch es kann gar nicht antiamerikanisch sein, etwas infrage zu stellen. Das Infragestellen ist essenzieller Bestandteil der amerikanischen Demokratie. Natürlich thematisiert der Film den Machtgebrauch der einzigen Supermacht. Und das geht schließlich uns alle an - bis die amerikanische Zivilisation in etwa 30 Jahren durch die chinesische ersetzt werden wird.<BR>Warum haben Sie Michael Caine verpflichtet? Er hat in der Greene-Verfilmung "Der Honorarkonsul" bereits eine Hauptrolle gespielt. </P><P>Ist er ein "Greene-Prototyp"?</P><P>Noyce: Wir brauchten einen Darsteller, der die Herzen des Publikums öffnet. Man muss mit ihm "mitgehen", selbst wenn man seine Handlungen nicht billigt. Caine hat diese seltene Qualität.</P><P>Fühlen Sie sich nach ihren Hollywood-Erfahrungen durch diese beiden Filme künstlerisch neu geboren?</P><P>Noyce: Man kommt nach Hollywood und denkt: eine Traummaschine. Aber bald merken Sie: Das ist eine Fabrik. Man könnte auch Würste machen. Ich habe mich dort als Gastarbeiter gefühlt, als Outsider. Ich wollte persönlichere Filme drehen.<BR><BR></P>

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