Gedankenreiches Vexierspiel

- Wie zeigt man Völkermord im Spielfilm? Wie vermeidet man die zwei großen Fallen solcher Darstellungen: die Gefahr, einerseits im Zuschauer Voyeurismus zu wecken oder andererseits seine Wahrnehmung durch Gesinnungskitsch zu verkleben.

<P>Nur wenige Filme haben solche Fragen befriedigend gelöst. Atom Egoyans "Ararat" macht sie zum Thema. Den Hintergrund bildet der Völkermord an den Armeniern 1915. Was als Vertreibung begann, endete in einer Massenabschlachtung durch türkische Soldaten.<BR><BR>Die einfachste und im Kino beliebteste Lösung wäre nun ein Kostümfilm. Man könnte auch vom Trauma eines Menschen erzählen, der sich später an die Erlebnisse erinnert. Der dritte Weg wäre, das Ereignis in den heutigen Diskussionen der Nachgeborenen und ihrem Umgang mit ihm zu spiegeln. Egoyan, der 44-jährige armenisch-stämmige Kanadier, kombiniert alle drei Möglichkeiten und schafft so etwas Viertes.<BR><BR>Die erste seiner Figuren ist ein prominenter Regisseur (Charles Aznavour). Er dreht im Studio einen Historienschinken über die Ereignisse. Doch diese einfache Sicht wird sogleich in den Gesprächen der Schauspieler gebrochen. Die Kunsthistorikerin Ani (Arsinée Khanjian) berät ihn. Sie ist Spezialistin für den Maler Arshile Gorky. <BR><BR>Die Erzählung von dessen Leben im Exil, der Erinnerung an die Ermordung seiner Mutter bilden einen dritten Erzählstrang. Anis Sohn schließlich wird am Flughafen von einem Grenzer (Christopher Plummer) festgehalten. Im Verhör erzählt er von seinem Besuch am Berg Ararat.<BR><BR>Diese Fäden verwebt der Film zu einem komplexen Kokon. Es ist intellektuelles Kino, manchmal etwas unsinnlich. Wer sich aber darauf einlässt, wird nicht nur mit einer Geschichtslektion belohnt, er taucht ein in ein gedankenreiches, faszinierendes Vexierspiel. Wie die Wirklichkeit ist auch die Erinnerung ein Labyrinth. <BR><BR>"Ararat" ist ein Plädoyer für Sensibilität und damit auch ein Film gegen historische Rechthaberei und Faktenhuber. Die Verletzungen der Vergangenheit lassen sich nicht rückgängig machen. Aber man kann vermeiden, neue Wunden zu schlagen. (In München: Theatiner i. O.)</P><P><BR>"Ararat"<BR>mit Charles Aznavour, Arsinée Khanjian<BR>Regie: Atom Egoyan <BR>Hervorragend <BR></P>

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