"Gefährten": Hengst zwischen den Fronten

Berlin - Der Erste Weltkrieg im Pony-Format: Steven Spielbergs Kinderbuch-Verfilmung „Gefährten“ startet am Donnerstag in den Kinos. Hier der Trailer und die Filmkritik:

Oh Himmel! Wie wunderbar künstlich bist du! Solche Wolken gibt es nur im Film, cumulus cineasticus. So offensichtlich digital wurde das dräuende Gewitter über die Felder Englands gebraut, dass es einen nicht wundern würde, wenn dieses Firmament direkt aus Filmen von John Ford, Raoul Walsh, Howard Hawks herauskopiert wurde. „The Big Sky“, in der Tat. Und wenn das Ende dann mit schwarzen Schattenfiguren vor einem glutrot gemalten Sonnenuntergang stattfindet, ist man vollends bei „Vom Winde verweht“ angekommen und dem großen Hollywood-Kino eines David O. Selznick.

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In welche Tradition Steven Spielberg sich da stellen will, daran gibt es keinen Zweifel. Und so wäre es auch unsinnig, seinem Opus „Gefährten“ („War Horse“ im Original) vorzuwerfen, dass es voller Kitsch und Klischees ist. Zu seinen besten Zeiten war Spielberg ja genau ein Genie des Kitsches und Klischees, und auch hier hascht er nach der Kraft von Mythos und Melodram.

Spielberg erzählt uns was vom Pferd – genauer: von einem Hengst, der kurz nach 1900 auf einer verarmten englischen Farm bei dem jungen Albert (Jeremy Irvine) aufwächst. Dann zum Kriegsdienst herangezogen wird und zwischen die Fronten gerät, zunächst als Ross eines britischen Offiziers, dann, nach kurzer Idylle bei einem französischen Mädchen und ihrem Großvater, als Arbeitstier bei den Deutschen. Bis er buchstäblich im Niemandsland der Grabenkämpfe landet – um dann doch glücklich heimzukehren. Die Vorlage dazu liefert ein Kinderbuch-Bestseller von Michael Morpurgo, dem Spielberg ziemlich treu bleibt. Nur dass er nicht das Pferd als Ich-Erzähler beibehält, sondern die Naivität von dessen Blick quasi ins Filmische, Stilistische übernimmt. Was vielleicht funktioniert hätte, würden nicht seine idealisierten Versionen von englischer Landschaft, französischem Landleben, Schützengraben-Landsern statt zu Genrebildern zu Karikaturen: Erster Weltkrieg im Pony-Format. Man könnte daraus problemlos mehrere Fake-Trailer à la „Tropic Thunder“ schneiden, die als hochkomische Parodie von Oscar-Kino durchgingen.

Bloß in ein paar Momenten blitzt Spielbergs einstige Brillanz auf – wenn er Strickmaschenreihen überblendet zu Ackerfurchen, einen Windmühlenflügel gnädig eine Exekution verdecken lässt. Ansonsten vergaloppiert er sich in eine Ästhetik, die großes, klassisches Emotionskino verwechselt mit ständigem Blähen der Nüstern wie aus deutschen TV-Eventmovies.

Dabei legt er noch die besten Schauspieler an die Kasperltheater-Kandarre: Peter Mullan etwa (eben noch brillant in „Tyrannosaur“) knallchargiert als Farmer wie aus dem britischen Äquivalent eines Bauerntheater-Stadls. Und John Williams scheuert sich dazu zweieinhalb Stunden fast ununterbrochen musikalisch wund. Nein, das Schlimme an „War Horse“ sind nicht Kitsch und Klischee: Es ist, wie abgehalftert die Klischees sind.

Thomas Willmann

Rubriklistenbild: © Walt Disney / dpa

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