Der gefallene Engel

- Gabriel Engel - dieser Name ist das erste Zeichen in einem Film, der ganz aus Verweisen und Bezügen besteht. Das ist seine große Stärke und seine kleine Schwäche zugleich, dass er sich ständig im Dialog befindet mit anderen: mit Klassikern aus Hollywood und aus Frankreich, vor allem aber mit jenen Filmen, die nicht gemacht wurden und werden in Deutschland. Ein Serienkiller. Warum soll, was in der Realität möglich ist, im Kino unmöglich sein? Das ist die Ausgangsfrage für Christian Alvarts "Antikörper".

Das Ergebnis seiner Suche nach der Möglichkeit des Genrefilms im deutschen Kino ist ein unterhaltsamer Psychothriller, der angenehm geschmackvoll und souverän inszeniert ist, zudem streckenweise brillant gespielt. Störend sind nur einige zu dick aufgetragene Szenen und ein missverständliches Ende.Der Mädchenmörder Engel wird verhaftet, die Beweise sind übermächtig. Auch in einem Provinzdorf wurde ein Mädchen ermordet. Der Dorfpolizist glaubt an Engels Täterschaft, will ein Geständnis. Doch Engel verwickelt ihn in ein Spiel um Gut und Böse, Wahrheit und Lüge. Zunehmend wird Engels Täterschaft wieder unklar. Engel entspricht dem Prototyp aller Kinokiller seit Hannibal Lecter: ein ebenso hochintelligenter wie sadistischer Mörder. Ein Maler, dem das Blut seiner Opfer als Farbe dient. Seine Bilder bersten vor christlicher Motivik. André Hennicke spielt die Rolle mit sardonischem Charme.Diesem perversen Todesengel gegenübergestellt sind zwei Polizisten: ein älterer, abgebrühter und etwas resignierter Ermittler und ein junger Polizist, der aus der Provinz stammt und von einer diffusen Sehnsucht getrieben ist. Sie macht sich Engel zunutze in seinem Versuch, am Ende noch zu triumphieren. Das alles ist keineswegs neu. Ebenso wenig die Art, wie Morde als Zeichen zu deuten sind, die eine Fährte legen ins Innere der Seele der Polizisten. Aber es ist schön, dies einmal aus Deutschland zu sehen; und endlich wieder dem wunderbaren Heinz Hoenig auf der Kinoleinwand zu begegnen. "Antikörper" könnte leicht missverstanden werden - als Abklatsch von US-Filmen. Tatsächlich aber haben der Serienkiller-Stoff und das mythische Film-Böse ihren Ursprung in Deutschland: etwa die Filme von Fritz Lang wie "Dr. Mabuse", "M - Eine Stadt sucht einen Mörder". So holt Alvart, der das Genrekino liebt, und sich hier als dessen Autorenfilmer erweist, eine Tradition wieder an den Ort ihres Ursprungs zurück.

(In München: Mathäser, Marmorhaus, Rio, Autokino.)

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