Der gefallene Gott

- Es sind nicht zufällig die Klänge von Schuberts "Unvollendeter", die den Anfang begleiten. Virtuos öffnet dieser Auftakt ein Panorama von Themen und Fragen, zeigt uns eine Bluttat, die im Nu rückgängig gemacht wird durch das Eingreifen des Helden. Wie ein Gott vermag der durch Zeit und Raum zu reisen, wie ein Allmächtiger in die Seelen der Sterblichen zu schauen und ihre Wirklichkeit zu verändern.

<P>Die Grundidee von "Minority Report" ist faszinierend: Nehmen wir einmal an, es gäbe eine Möglichkeit, in die Zukunft zu schauen. Genau dies vermag "Precrime", eine Polizeiinstitution im Washington des Jahres 2054. Ihre Polizisten, angeführt von John Anderton (Tom Cruise) bringen zukünftige Verbrecher hinter Schloss und Riegel. Das Dilemma: Die "Täter" sind gar keine, sie werden erst zu welchen. Genau genommen verhaftet man Unschuldige. Eines Tages erfährt Anderton selbst, dass er binnen einer Woche zum Mörder werden wird. Er versucht, dieser Tat auszuweichen, wird währenddessen aber von seiner eigenen Behörde verfolgt, die ihn routinegemäß als zukünftigen Täter festnehmen will.</P><P>Das eigentliche Thema von Steven Spielbergs neuem Science-Fiction-Thriller, der auf die gleichnamige Kurzgeschichte des Kultautors Philip K. Dick zurückgeht, ist aktuell: Es ist die Idee perfekter Überwachung _ zugleich ein Albtraum von Unfreiheit. Nicht weniger lässt dieses Szenario auch an die derzeit grassierenden Gedanken über einen Präventivkrieg denken: Man hofft auf die Vernichtung des Bösen; verbunden mit der Paranoia, dieses Böse sei immer und überall. Seit Jahren arbeitete Spielberg an diesem Stoff, und man sieht dem Film die Detailversessenheit und Leidenschaft an. Ganz im Geist von Dick in düsteres Blaugrau gefasst, von Verlorenheit und Depression geprägt, gewinnt die Grundsituation dabei schnell eine zusätzliche Farbe durch den unverwechselbaren Spielberg-Touch: Die an Fixiertheit grenzende Konzentration auf einen einzigen Helden. </P><P>Wie so oft bei Spielberg besteht die Grundsituation aus dem Dreieck Vater-Mutter-Sohn: Anderton ist auch ein Sohn, der hier zur ödipalen Rebellion gegen den Vater gezwungen wird. Das zweite Leitmotiv vieler Spielberg-Filme, das Aufbegehren gegen ein Schicksal _ Schindler, "Saving Private Ryan", "A.I.", "Amistad" _, ist nicht weniger dominant. Wieder begleitet man einen Verlorenen, der endlich nach Hause finden will.</P><P>"Minority Report" ist mit alldem nicht so sehr ein einfallsreicher Science-Fiction, er ist eine im Gewand des Unterhaltungsfilms auftretende, stellenweise tiefgründige, und schön anzusehende Reflexion über das Fragmentarische und die Geschlossenheit, den Überwachungsstaat der Zukunft und das Dasein des Individuums in ihm. </P><P>Er wäre kein Film von Spielberg, wäre er nicht stellenweise sentimental und in seinen Botschaften grundsätzlich konservativ. Es wäre aber auch kein Spielberg-Film, dürfte man am Ende nicht ein wenig hoffen. Dass er beides dabei nicht gleichsetzt, macht seine Stärke aus. (In München: Marmorhaus, Gloria, Maxx, Royal, Münchner Freiheit, Autokino, Cadillac, Kino Solln, Gabriel, Cinema und Museum i. O.)<BR>"Minority<BR>Report"<BR>mit Tom Cruise<BR>Regie:Steven Spielberg<BR>Hervorragend </P><P>Der Diener des Überwachungsstaats, Polizist Anderton (Tom Cruise), erfährt dessen Terror am eigenen Leib.Foto: Verleih <BR></P>

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